Der vertonte Fadenwurm

Quelle: Die Zeit, Ausgabe 20/1995, Seite 41

VON MARK BENECKE

Die Entwicklung von Parasiten und Fliegen, musikalisch interpretiert.

Als im vergangen Jahr die am Fadenwurm Caenorhabditis elegans beschäftigten europäischen Biologen zu ihrem zweijährlichen Treffen zusammentrafen, gab es eine Überraschung. Die Tagung wurde eröffnet mit einem eigens komponierten Stück Computermusik, dessen Noten sich aus dem Zellstammbaum des millimetergroßen Tieres ableiten. Die Nervenzellen wurden dabei von Streichern, Darmzellen von Pauken, Schlundzellen von Holzbläsern und Keimzellen von Harfen-Appreggios dargestellt. "Jedem Zellteilungsereignis der insgesamt 800minütigen Entwicklung", so der Komponist Jörg Schäffer, "entspricht ein musikalisches Ereignis." Damit die Komposition nicht unnötig in die Länge gezogen wird, wählte Schäffer als Zeitachse den Logarithmus zur Basis 2. Auf diese Weise schrumpfen die veranschlagten dreizehn Stunden, die der Wurm benötigt, um sich vom befruchteten Ei über vier Jugendstadien zum erwachsenen Tier zu entwicklen, auf achtzehn Minuten moderner Musik.

Herkunft, Lage und Funktion jeder einzelnen Zelle von C. elegans sind vorhersagbar. Jörg Schäffer konnte daher den drei verschiedenen Teilungsrichtungen ein musikalisches Korrelat zuordnen; einer vertikalen Zellteilung zum Beispiel entsprechen zwei von Pausen eingerahmte Quinten. Mit jeder zellulären Spaltung teilt sich so zugleich ein Ton bzw. musikalisches Motiv.

"Wissenschaftliches Material als Grundlage musikalischer Gestaltung", so nennt Jörg Schäffer sein Werk unprätentiös. Was dem sechsunddreißigjährigen Doktor der Naturwissenschaften mit diesem Konzept tatsächlich gelungen ist, führt mittlerweile regelmäßig zu aufgeregtem Gemurmel unter Akademikern: Nicht nur der Zellstammbaum des Wurmes, auch die Aminosäuresequenz des Proteins GTSj26 aus dem Bilharziose-Erreger Schistosoma japonicum sowie der Cantorsche Mengenbegriff sind bereits über MIDI-Programmierung vertont. Die dramaturgische Bearbeitung der Proteinbiosynthese (als Hörspiel) und das zellbiologische Programm der Fruchtfliege Drosophila sollen folgen. 

Warum, so fragt man sich, soll ein Wissenschaftler Kunst machen? "An gedanklichen Innovationen im wissenschaftlichen Bereich sind oftmals intuitive Prozesse beteiligt. Sie führen dann mittels diskursivem Denken zu einer konkreten wissenschaftlichen Fragestellung" lautet Jörg Schäffers Antwort. Die neue Art künstlerischer Aktivität macht dem Forscher einerseits seine Identität als Wissenschaftler klar; durch das erweiterte Ausdrucksrepertoire kann dieser gleichzeitig anderen Wissenschaftlern sowie Laien einen Zugang zu den hochspeziellen Themen verschaffen, die heute bearbeitet werden. "Musik als abstrakteste Kunstform erscheint mir hierfür am besten geeignet", so Schäffer. 

Er muß es wissen - nach seinem Biologiestudium promovierte der Wahlmünchener über den Aufbau des Entgiftungsenzyms Glutathiontransferase. Währenddessen entstanden erste experimentelle Kompositionen sowie die AG KIWI (Arbeitsgemeinschaft Kunst in der Wissenschaft). Im letzten Jahr seiner Promotion baute Schäffer "ein mikrotonal gestimmtes Metallophon: Sekundenquadrat" und schrieb nicht weniger als vier Theatermusiken, etwa zu Strindbergs "Erik XIV" und Aischylos´ "Prometheus" (beide im Schauspiel Kiel aufgeführt). 

Schon während seines Studiums hatte Jörg Schäffer mit Bedauern festgestellt, daß es zwar wissenschaftliche Interpretationen künstlerischer Arbeiten gab (etwa in den Musikwissenschaften), aber umgekehrt kaum künstlerische Umsetzungen wissenschaftlicher Sachverhalte. So entschloß er sich, "diesem Mangel zu entgegnen", was ihm umso leichter fallen dürfte, seit er weiß, daß er sich mit seiner Doktorarbeit "im wissenschaftlichen Bereich ausreichend umgesehen" hat. Immerhin veröffentlichte der damalige Doktorand zwei umfangreiche Berichte in anerkannten molekularbiologischen Zeitschriften - eine begehrte Qualifikation. 

Bevor sich der promovierte Künstler Jörg Schäffer an die Vertonung der Reizleitung in Nervenzellen, des Periodensystems der Elemente und der Bewegung astronomischer Objekte begibt, hat er jedoch noch ein anderes Vorhaben: "Einer meiner größten Wünsche für die nächste Zeit ist es, eine Oper zu schreiben - dann aber zunächst von einer konventionellen literarischen Vorlage". 

Mit großem Dank an die Redaktion für die Erlaubnis zur Veröffentlichung.