Medellin: Die Stadt der tätowierten StudentInnen

Quelle: Tätowiermagazin 02/2005, Seiten 94-96

Medellin: Die Stadt der tätowierten StudentInnen
Ein Besuch bei John Alvarez, dem geschäftstüchtigen Tattoo-Geist der kolumbianischen Dreimillionenstadt Medellin

Von Mark Benecke

"Hijo de puta!" (Hurensohn) schimpft schimpft die wunderschöne Dalia den Tätowierer an, der ihre soeben frisch tätowierte Fuß-Sohle küsst. Vermutlich hat sie ein paar Stress-Hormone zuviel abbekommen, denn das Traum-Symbol, das sie ab heute wie ihre ebenfalls soeben gestochenen Cousine Astrid auf der Sohle trägt, hat etwas gezwickt, bevor es nun seine Symbolkraft entfalten kann.

Wir befinden uns im Herzen der Hölle, direkt am Parque Lleras. Die jüngeren Paisas (Einwohner von Medellin) nennen den Platz aus gegebenen Anlass lieber "Parque Yerbas" , Marihuana-Platz -- ein schickes Wortspiel, weil sich beides auf Spanisch gleich anhört. Von härteren Drogen wie Kokain ist weit und breit nichts zu sehen, denn es ist Fussball-EM und die sportvernarrten Kolumbianer - darunter offenbar auch die Koks-Dealer - trinken lieber örtliches "Pilsen"-Bier und feiern vor Leinwänden auf den Außen-Terassen der Cafés die Tore der europäischen Teams sowie des innerkolumbianischen Fussball-Finales, bei dem diesmal die zwei Clubs aus Medellin gegeneinander antreten.

Derweil verziehen sich die zwei Traum-Cousinen ins Hinterzimmer, wo mittlerweile eine solide Party im Gang ist. Es ist neun Uhr, doch schon steigt der nächste Kandidat auf den Tätowier-Stuhl. Der Kunde hat dunklere Haut und linst John daher auf meine hellen Unter-Arme: "Tja, helle Haut ist schon besser für Tätowierungen", seufzt er.  Im Hintergrund sticht Johns Adlatus ein Augenbrauen-Piercing.

"Angefangen habe ich vor fast zehn Jahren", erzählt der damit dienstälteste Tätowierer Medellins. "Ich bin Friseur und mein damaliger Chef in Bogotá wollte eine schnelle Mark machen. Er kaufte sich in den USA eine Tätowier-Maschine und verdiente hier richtig Kohle damit. Allerdings konnte er absolut nicht zeichnen. Darum habe ich mir auch eine Maschine besorgt, einen eigenen Laden aufgemacht und ihm alle Kunden abgeworben. Auf einer Harley-Davidson-Show hatte ich dann so viel Zulauf, dass ein Typ zu mir kam, der mich vom Fleck weg anstellte. Allerdings bekam er nach ein paar Jahren Probleme mit den Gringos, weil seine Laden-Kette "MTV-Shops" hieß, obwohl MTV nichts damit zu tun hatte. Also habe ich mich wieder selbständig gemacht."

Mittlerweile ist John Teilhaber an drei Tattoo- und Piercing-Studios: Eins in der Hauptstadt Bogotá "für Rocker, denen wir da auch die Haare schneiden, wenn sie wollen" , eins in einem rosa beleuchteten Friseursalon in Medellin "für Laufkundschaft" (ABBILDUNG 2) und eben das urige Studio am Parque Lleras, in dem wir soeben sitzen (ABBILDUNG 3).

"Ein- oder zweimal im Jahr fahre ich auch zu den Soldaten", erzählt er weiter. "Zwar dürfen sie in den niederen Rängen absolut keine Tattoos haben, aber wenn sie dienstliche aufsteigen, wollen sie natürlich erst recht eins -- meist das Logo ihrer Einheit. Verbieten kann es ihnen dann eh keiner mehr", lacht er.

"Im Knast werden im Gegensatz dazu kaum Tattoos gestochen", erzählt John zu meiner Verblüffung weiter. "Tattoos gelten bei Kriminellen als sehr gefährlich, weil die Polizei die Jungs dann leichteridentifizieren kann. Wenn du narcotrafficante (Kokainschmuggler) werden willst, musst du dir vorher sogar mögliche Tattoos in einer Haut-Klinik entfernen lassen, sonst kriegst du den Job nicht. Andererseits...das gilt für fast alle Jobs hier", ergänzt er nach kurzem Nachdenken. "Mit meinem Biomechanic-Tattoo am Unterarm hätte ich keine Chance, irgendwo in Medellin normal angestellt zu werden."

Den Arm hat er sich John ebenso wie die Tattos am Beim selbst gestochen, da es (wie in Peking, vgl. TM 5/2004) niemanden gab, bei dem er lernen konnte (ABBILDUNG 4, 5). "Also hab ich mir eine Pulle Sekt gekauft, mich schwer verrenkt und angefangen." Die Ergebnisse können sich mittlerweile sehen lassen.

Meine Studentin Carolina lässt sich von John beispielsweise gerade ein bisschen Farbe in ihr fein gestochenes Meeres-Schnecken-Gehäuse bringen (ABBILDUNG 6). "Leider kann ich es heute nicht fertig machen", sagt John, "denn das Blau ist alle. Ich muss die Farben aus aller Welt bestellen, gelb aus Japan, Schwarz aus Frankreich, grün und blau aus den USA - lästige Sache, aber was soll's."

Die Motive in Medellin stamen wie oft in neu erwachendenden Tattoo-Kulturen meist aus dem Internet oder vollkommen zerlesenen Tätowier-Zeitschriften (ABBILDUNG 7). Und natürlich sind auch chinesische Schriftzeichen ein Renner. "Der Unterschied ist allerdings", sagt John, "dass die Kunden in der Hauptstadt Bogotá erst die Bedeutung und dann das Zeichen auswählen, während es hier in Medellin nur auf das schmucke Aussehen des Zeichens ankommt. Wir sind hier halt etwa sieben Jahre hinter der Zeit..."

"Stimmt nicht", schaltet sich Studentin Caro ein. "Mein Schnecken-Gehäuse ist zwar schön, es spiegelt aber vor allem meinen Wunsch wieder, immer ein friedliches Zuhause zu haben, auch wenn das weite Meer tobt und braust. Als nächstes will ich einen See-Stern. Als Biologin liebe icheben die Tiere im Meer, aber als Kind wollte ich eigentlich Astronomin werden und Sterne erforschen, so wie Jodie Foster in Contact. Mit dem See-Stern kriege ich beides!"

Überhaupt ist die Tattoo-Dichte unter den kolumbianischen Biologie-StudentInnen -- nicht nur denen aus Medellin - sehr hoch. Angesichts nur weniger erfahrener Tätowierer schwankt die Qualität aber derzeit noch zwischen bläulich-blasser Soße und knorken Finelines (ABBILDUNG 8). Immerhin: Die Liebe zu Hautbildern bei den unter-30-jährigen ist hier so ausgeprägt wie ist in keiner anderen Groß-Stadt, die ich kenne.

Johns Läden arbeiten (anders als andere im Medellin) sauber und künstlerisch sehr ordentlich. Die hierzulande teuren Einweg-Hanschuhe sind bei ihm ebenso selbstverständlich wie eine allzeit griffbereite Flasche mit einem mörderischen Desinfektions-Mittel sowie einem Tisch-Autoklaven derselben Marke, die viele KollegInnen von mir auch in wissenschaftlichen Laboren benutzen. Interessant: Alle Oberflächen in den Läden (Tabletts, Tische usw.) sind stets mit frischer Butterbrot-Plastik-Folie bezogen, die nach jedem Kunden überall erneuert wird.

"Das traurigste, was ich hier erlebt habe", schiebt John noch nach, "war ein Ehepaar, dessen Kind gestorben ist. Ich habe den beiden das Gesicht des Kindes wie ein Putten-Engel auf den Rücken gestochen. Naja, eigentlich ein gutes Symbol, listo .

Ach ja, noch was: Wenn ein TM-Leser einen guten Namen für meine Läden weiß, soll er's gerne sagen. Mir fällt einfach nix ein. Marks bescheuerter Vorschlag, die Studios gemäß meines Nachnamens einfach "Alvarez Tattoo" zu nennen, könnt Ihr vergessen - dieser Name wirkt hier in Medellin ungefähr so cool wie in Deutschland "Kartoffel Tattoo". "

Kontakt: John Alvarez, tags im Friseur-Laden "Rosa" im Shopping Center "Oviedo" und zur Zeit abends/nachts in der (blau beleuchteten) ersten Etage über dem "Taco Loco" am Parque Lleras, beide im Stadt-Teil El Poblado im Süden Medellins.

Bilder-Texte:

Abb. 1: Soeben gestochene Traum-Symbole unter den Fuss-Sohlen zweier Paisa-Cousinen.

Abb. 2: In Kolumbien finden sich Tattoo-Studios nicht selten in Friseur-Läden. Wenn sie aber wie hier auch noch rosa eingerichtet sind, rollen sich Haare und Fußnägel verzweifelt auf.

Abb. 3: Schon besser - Johns Tattoo-Laden für abendliche Sitzungen am Parque Lleras.

Abb. 4, 5: Mit diesen Tattoos hat John an sich selbst geübt. Biomechanics wäre sein Lieblings-Thema, die Kundschaft in Medellin ist dafür aber noch nicht reif.

Abb. 6: Frisch gestochenes Meeres-Tier bei Bio-Studentin Carolina. Als nächstes will sie einen See-Stern.

Abb. 7: Die Laufkundschaft achtet in Medellin vor allem auf das Aussehen der Tattoos, nicht auf den Symbolgehalt. In der Hauptstadt Bogotá hat sich das hingegen schon geändert.Abb. 8: Die Qualität der Tätowierunn schwankt angesichts der erst erkeimenden Hautbild-Kultur in Medellin noch stark. Hier Tattoos der reich verzierten Bio-StudentInnen der statlichen Universidad de Antioquia.