Sind etwa Jungfrauen im Saal?

Mark Benecke: 25 Jahre Rocky Horror Picture Show -- RHPS (SZ am Wochenende 28./29. Okt. 2000)


Quelle: Süddeutsche Zeitung,
Feuilleton-Beilage, 28./29. Oktober 2000, Seite VII

Sind etwa Jungfrauen im Saal?

Seit 25 Jahren treffen sich in New York jeden Freitag und Samstag Teenager im Kino, um die Rocky Horror Picture Show mitzuspielen


(Auszüge des folgenden Textes veröffentlicht in der SZ vom 28. Okt. 2000, SZ am Wochenende).

Von MarkBenecke (Bilder by Mark Benecke)

"Richtig, Mister“, sagt die 18-Jährige in adrettem Kleid und mit brav gefalteten Händen, als ich sie im Aufzug nahe dem Draculamuseum an der Fifth Avenue treffe, „ich bin Rose.“ „Aha“, sage ich. Der Aufzug hält im dritten Stock. „Auf Wiedersehen, Mister.“ „Wiedersehen, Rose. Bis Samstag.“

Rose und ich treffen uns seit zehn Monaten jedes Wochenende pünktlich um Mitternacht in Manhattans East Village, Ecke First Avenue und 11th Street. Zusammen mit gut dreihundert anderen verdächtig normal aussehenden Teenagern stehen wir dort, wie es sich in New York gehört, zunächst in der Schlange, folgen dann dem monotonen „geradeaus, dann links“ des Kartenabreißers in den lustigsten Kinosaal der Stadt. Das heißt, lustig wird es erst später.

Zunächst scheint alles in bester Ordnung zu sein – abgesehen von einem schwenkbaren Scheinwerfer hinter der letzten Sitzreihe sowie einem alten Mann, der vor der dunklen Leinwand auf- und abgeht, unaufhörlich etwas vor sich hin murmelt und blöde grinst. Andererseits...ist das nicht Nena, die da soeben in voller Lautstärke „Neunundneunzig Luftballons“ singt? Auf Deutsch? Und dann Pink Floyd? Nena und Pink Floyd im Zeitalter von Trance und Techno? Zurücklehnen. Kann nicht mehr lange dauern. 14-Jährige essen Popcorn, kichern, reiben sich nervös die Hände. Ein Junge mimt Szenen aus der Fernsehserie Southpark.

Sex, Mord und Rock

„Hallo, ihr Spinner!“, brüllt plötzlich eine glatzköpfige Bohnenstange ins Mikrofon vor der Leinwand. „Alles klar?“ Alles ist klar. Das Gekreische reißt von nun an nicht mehr ab.  „Na dann mal los! Sind hier etwa virgins im Saal?“ Ohne die Antwort abzuwarten, entfaltet der Showmaster – von allen ehrfürchtig Mad Man Mike genannt – einen Zettel.  „Schon gut, ich weiß längst, wo ihr seid. Denn eure Freunde – eure so genannten Freunde – haben euch verraten. Barry, Dawn, Kimmy, Alicia: Aufstehen und nach vorne kommen, aber plötzlich!“, brüllt Mike.

Die vier ertappten „Jungfrauen“ reihen sich verlegen vor der Leinwand auf und warten.  „Hey, guckt euch Jungfrau Barry an. Er hat einen kräftigen brad verdient, was? Eins, zwei asshole!“, schreien zweihundert Jungen und Mädchen dem Ärmsten entgegen. Der trägt es allerdings gelassen und grüßt die Menge mit lässigem Winken.

Brad leitet sich vom männlichen Hauptdarsteller des Kultfilms „Rocky Horror Picture Show“ ab. In diesem Film stolpert in einer Regennacht Brad Majors zusammen mit seiner Verlobten Janet Weiss (Publikumsbezeichnung: „Slut!“ – Schlampe) auf der Suche nach einem Telefon ins Schloss des außerirdischen transsexuellen Forschers Frank N Furter. Außer Sex, Mord und Rockmusik finden die beiden Frischverlobten im Schloss noch weitere absonderliche Gestalten: einen künstlichen Muskelmenschen sowie den alten Lehrer Dr. Scott, der dort auf der Suche nach seinem Neffen – gespielt von Meat Loaf – Nachforschungen anstellt. Doch der Film ist hier nur noch Beiwerk. Jetzt fängt Mad Man Mike erst einmal an.  „Uuuuund jetzt! Unsere beliebteste Show! Ladies and Gentlemen: Fake an Orgasm!“   Unter dem Gejohle der Menge müssen die vier noch nicht eingeweihten virgins nun jeweils das aufführen, was sie für einen guten Orgasmus halten– in der Regel ein etwa fünf Sekunden langes Aufschreien. Die Gewinnerin (Jungs gewinnen nie) wird durch die Lautstärke des Beifalls beziehungsweise des Hohngepfeifes ermittelt.

„Eigentlich unfair“, beschwert sich eine Verlierer-Virgin bei Mad Man Mike. „Woher soll ich denn wissen, wie das geht? Ich hab’ noch nie einen Orgasmus gehabt.“ Zu spät. Das Licht geht aus, der Film beginnt. Zwei Paar blutroter Lippen singen Science Fiction, Double Feature“, das Anfangslied – ein Lippenpaar ist auf der Leinwand, das andere im Scheinwerferspot zwischen den Zuschauern. Die lebenden Lippen gehören Lisa.

„The lips spiele ich schon immer“, sagt sie nach der Vorstellung. „Aber noch lieber bin ich Janet Weiss, die Hauptdarstellerin.“ Obwohl Lisa wirklich eine bezaubernde Janet abgibt, liebt das Publikum sie als the lips besonders, denn sie ist die einzige Lippendarstellerin, die Lollis in die Menge streut. Ihre Konkurrentin Suzanne, die immer freitags die lips verkörpert, setzt dagegen auf einen Strip, den sie in der Uniform der New Yorker Polizei beginnt (allerdings mit Lacklederrock anstatt der Hosen) und in einem schwarzen Spitzenkorsett beendet. 

Lips hin, Janet her – die Rolle der Filmhauptdarstellerin steht Lisa vor allem deshalb gut, weil sie dieser verblüffend ähnlich sieht. Gespenstisch ähnlich sogar. Woher das kommt, weiß sie nicht, und auch sonst macht sie sich nicht viele Gedanken. „Dass ich mich im Kino bis auf die Unterwäsche ausziehen und so tun muss, als ob ich mit Rocky, dem Monster, und Frank N Furtner, dem transvestiten Wissenschaftler, schlafe, macht mir nichts. Wir sind eine große Familie“, sagt sie, „und echten Geschlechtsverkehr könnte ich mir mit meinen Mitspielern eh nicht vorstellen. Da müsste ich lachen.“

Ein bisschen anders sieht das Mad Man Mike, der nicht nur dem Publikum einheizt, sondern auch den bösen Rocky-Horror-Haushälter Riff Raff personifiziert. Er hat sich genau vor drei Wochen von Lisa getrennt und noch immer schwarze Ringe unter den Augen– ungeschminkt. Als Angestellter in einer Videothek kennt er schon jetzt mehr Filme als der Autor dieses Artikels jemals sehen wird. „Die Rocky Horror Picture Show“, findet Mike, „ist eigentlich ein guter Film. Sie soll eine Parodie auf alte Schinken sein, und genau das ist sie auch. Wenn du sie siehst, fühlst du dich wie in den Fünfzigern, oder?“

Mike hat das Spektakel 1983, mit dreizehn, das erste Mal gesehen. Drei Wochen später stand er mit auf der Bühne. „Damals lief noch die Mono-Version des Films“, erinnert sich Mike. „Sie hatte ihre Schwächen, aber seitdem sie ganz verschwunden ist, fehlt sie uns. Ach, was soll’s.“ Mike hat noch immer Liebeskummer und verweist mich daher an einen 40-jährigen Mann mit dunklen Haaren und Hawaiihemd in einer Ecke des Saals. Er wirkt, als ob er der letzte gutmütige Kinobesitzer der Erde wäre, der die Pflanzen in der Eingangshalle selber gießt. Das ist Sal Piro, der zusammen mit Dori Hartley als Altmeister der live aufgeführten Rocky Horror Picture Show gilt – weltweit. Zur Feier des Tages – Halloween gilt als inoffizieller Geburtstag des Ereignisses – ist er ins East Village gereist und trägt zum Gelingen des Spektakels bei. „Erst in New York“, sagt er mit Buchhaltermine, „wurde die Rocky Horror Picture Show das, was sie jetzt ist. Vor 26 Jahren lief der Film das erste Mal in einem Kino in Los Angeles – und floppte. Aber dann haben wir im Waverly-Kino in Greenwich Village das erste Mal etwas in Richtung Leinwand gebrüllt.“

Der berühmte Satz (ein so genannter call back), der die Kinogeschichte änderte, lautet: „Buy an umbrella, you cheap bitch!“ („Kauf dir einen Regenschirm, du billige Schlampe!“) und bezog sich auf die Hauptdarstellerin Janet Weiss, die sich mit einer Zeitung vor dem strömenden Filmregen schützt, als sie sich mit Brad dem Gruselschloss nähert. Von dieser Stunde an arteten die abendlichen Rocky-Veranstaltungen aus. Nachwuchstransen, Juniorspaßvögel, Minifetischisten, schwule Kids vor ihrem Coming Out, hyperaktive Gören und alle anderen jugendlichen Sonderlinge kamen verkleidet und mit den wichtigsten Rocky-Utensilien versehen ins Kino, um den Alltag wenigstens für zwei Stunden zu vergessen. Während die Wasserpistolen – die den Wolkenbruch zu Beginn des Films zu verdeutlichen helfen – mittlerweile vom Management des Village East Kinos verboten wurden, fliegen nach wie vor Reiskörner (Hochzeitsszene), Toasts („A toast!“) und Klopapierrollen („Dr. Everett Scott!“ – Scott ist die bekannteste amerikanische Klopapierfirma) durch den Saal. „Wenn du nicht weißt, wann du deinen Toast werfen sollst, dann warte einfach, bis dich einer trifft“, rät die zentrale Rocky-Webseite. Nur eins ist im Lauf der letzten fünfundzwanzig Jahre endgültig verlorengegangen: Seit die Darsteller vor der Leinwand nahezu perfekte Kopien der Filmfiguren abgeben, verkleiden sich die New Yorker ZuschauerInnen bestenfalls noch an Feiertagen.  

Rose kennt sich im allwochenendlichen Rocky-Chaos aus. „Komm’ her“, zischt sie mir verschwörerisch zu, als ich während der Vorstellung fotografiere. „Setz’ dich neben mich, da vorne kannst du nicht stehen bleiben.“ Recht hat sie, denn schon jagt Frank N Furter in Strapsen sein blondes Knuspergeschöpf durch den Mittelgang.

Rose kennt alle Szenen des Films auswendig, und neuerdings liefert sie sich in den Sprechpausen mit ihrem 12-jährigen Bruder zuvor abgesprochene Redegefechte quer über den Kinogang. Leider vergisst Rose sich dabei meist selbst und steigert sich derart hinein, dass die neben ihr Sitzenden die Plätze wechseln, um einem Gehörsturz vorzubeugen.

Dass Rose und ihr kleiner Bruder um 2Uhr nachts mit der Subway nach Hause fahren, finden sie normal. Im Gegensatz dazu ist der heutige Frank N Furter, die 32-jährige Roberta, in die eines Nachts der Geist der Filmfigur gefahren sein muss, mit ihrer ganzen Familie hier. Robertas Eltern sitzen in der achten Reihe und scheinen Fans der ersten Generation zu sein. Sie beherrschen alle Rocky-Regeln aus dem Effeff und sparen keine zur Leinwand hin gebrüllte Gemeinheit aus.

Bleibt der alte Mann, der schon vor Filmbeginn auffiel und nun, mit einer albernen ukrainischen Krawatte und einem unmodischen Anzug bekleidet, die Figur des Film-Kriminalisten verkörpert.  „Als die Show noch auf der 54. Straße lief, bin ich mal reingegangen, weil ich über dem Kino wohnte“, erzählt Opa Norm. „Seit dem Tag konnte ich nicht mehr anders als immer wieder hinzugehen. Ein Jahr später war es soweit, ich machte mit. Seitdem gehöre ich zum Team.“ Seinen Text, den er playback und mit dem Rücken zur Leinwand aufsagt, hat Norm problemlos gelernt: „Wenn du etwas über hundertmal hörst, dann behältst du es“, sagt er.

Gut fürs Ego

Dass Opa Norm wie alle anderen im Saal einen Vogel hat, versteht sich von selbst. Früher war er Koch. Ein Lieblingsgericht hat er aber nicht. „Ich war in einer normalen Küche“, erklärt er zerstreut, „da hatten wir keine Leibgerichte.“  Kürzlich war Norm ein Wochenende lang verschwunden – seine Mutter war krank. „Das hat Vorrang“, sagt er und bewegt seine Lippen wie nach jedem Satz stumm weiter. „Aber ich liebe die Kids hier, und ich hoffe, dass ich für immer mit ihnen weiterspielen kann.“ So wird es wohl auch kommen, denn bereits jetzt knien seine Verehrerinnen am Ende jeder Vorstellung vor ihm nieder.

Ausscheren will nur einer, und das ist Hauptdarsteller Marc, der seit neun Jahren jeden Freitag und Samstag um Mitternacht asshole Brad spielt. „So geht’s einfach nicht weiter“, murrt der 24-jährige Telefonverkäufer. „Ich habe kein Privatleben mehr.“ Seine Freundin Tracy, die für den Part der Janet schon mal einspringt, wenn die weibliche Hauptbesetzung unerwartet ausfällt, lacht. „Ach komm, was soll’s. Du bist halt ’ne Flasche“, sagt sie und nimmt ihm die selbst kopierten Programmhefte aus der Hand. „Yeah, right“, stimmt Marc zu. „Ich mag meine Rolle besonders deswegen, weil ich von allen Mitspielern am längsten zu sehen bin. Das ist gut für mein Ego. Vielleicht kann ich einfach nicht anders.“

Tracy macht das zeitraubende Hobby ihres Geliebten nichts aus. Nach ihrem college degree in Kosmetologie ist sie auf Jobsuche und will wie viele junge Manhattenees Schauspielerin werden. Rollenangebote hat sie zwar noch nicht bekommen, aber sie ist überzeugt, daß es bald klappen wird. Bis dahin arbeitet sie als personal assistant für Cindy Crawfords Ehemann Randy Gerbert. „Das ist hauptsächlich Büroarbeit, und einkaufen gehen muß ich auch“, sagt sie.

    Die Halloween-Show letztes Jahr endete wie immer nach zweieinhalb Stunden unter Gejubel, und die Schauspieltruppe teilte sich auf. Traditionell treten die Rockys jedes Jahr zu Halloween und Silvester in New Yorks bekanntestem S/M-Club „The Vault“ auf. Heute ist es wieder soweit. Nicht dabei sind allerdings der alte Norm („The Vault? Ach Du liebes bisschen!“), Veteran Sal Piro („Junge, ich brauch’ meinen Schlaf“) und Frank N Furter alias Roberta („Heute mach’ ich was mit meiner Familie“). Diese drei verschwinden in der noch jungen Halloweennacht, und vielleicht kehren sie auf dem Weg noch rasch in einem polnischen, tibetischen, japanischen oder mexikanischen Restaurant ganz in der Nähe ein.   Und Rose?  „Gute Nacht“, sagt sie, als sie an mir vorbeigeht. Sie hält mir ein Plastiktier unter die Nase und bringt es zum Quietschen. „Bis nächstes Wochenende, Mister.“