Tattoos im Grassi-Museum fĂŒr Völkerkunde: Du gehörst ins Museum!

FĂŒr: TM / TĂ€towiermagazin

Version: 9. Juli 2017

In menschenkundlichen Sammlungen finden sich öfters auch TĂ€towierungen: Vom Instituts-Museum der Rechtsmedizin Bukarest, wo HautstĂŒcke tĂ€towierter Menschen im Verbechens-Museum ausliegen, bis zu Fotos und Zeichnungen, die Forschungsreisende in den letzten Jahrhunderten angefertigt und in Museen nach Europa und Nordamerika mitgebracht hatten. Im Völkerkundemuseum in Leipzig — einer der weltweiten HauptstĂ€dte des entspannten Tattoo-Tragens — lĂ€uft nun unter der Überschrift “Grassi Invites IV” (‘Grassi lĂ€dt ein’)” die ganz andere Aktion “Tattoo und Piercing – Die Welt unter der Haut”. 

Das ist nĂ€mlich keine kĂŒnstlich cool gemachte RĂŒckschau. Stattdessen können dort schon seit Mitte MĂ€rz (noch bis Mitte September) Kinder und Jugendliche beispielsweise in einem “Tattoo-Labor” zusammen mit dem jungen Ausstellungsteam anschauen, was Tattoos ĂŒberhaupt sind und dabei ihre Meinung — auch zu Piercings — offen aufschreiben. Die dabei entstehenden, echt lustigen KĂ€rtchen werden dann gleich ausgestellt. 

Im Juli ging’s um TĂ€towiermaschinen, wie sie beispielsweise im Knast und auf der Straße verbreitet waren, und auch um Graffitis, die besonders in den USA viele TĂ€towierer*innen auf ihren Wegen begleitet haben. Eine Soundinstallation liefert dabei durchgehend TĂ€towier-Sounds, und jede Menge Fotos zum einfach nur Staunen gibt es sowieso.   

Unter diese laboratmosphĂ€rische Mischung mischt sich — und das finde ich Ă€ußerst geil — kommentarlos korrekte Tattoo-Kunst, etwas von Ricaletto (geb. 1986), der als Grafiker und KĂŒnstler in Leipzig arbeitet: Er steuerte kopierte und selbst zusammengeheftete
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 BroschĂŒren mit dem Titel “Too Cool For School” bei. Darin finden sich TĂ€towiervorlagen und Fotos seiner öfters wilden Tattoo-Sessions, außerdem Flashes und Skizzen hochklassig schwarzweißer Oldschool-GĂŒte. Bei den Freund*innen sanfter TĂ€towierfarbkompositionen löst daswohl Staunen, bei den Liebhaber*innen des altschuligen “Bold Will Hold” hingegen ein fettes FreudentĂ€nzchen aus. 

Am 29. Juni hatte ich die Ehre, ein via Facebook und Plakaten aufgerufenes und vor Ort spontan zusammengewĂŒrfeltes Zufalls-Team aus tĂ€towierten Menschen im “Labor” auf WG-Paletten-Couch-Möbeln vor Publikum zu interviewen. Mitgemacht hat eine Lehrlingin des Leipziger Verkehrsbetriebe (sie wird Straßenbanfahrerin), ein TĂ€towierer, der unter anderem ĂŒber Erinnerungstattoos nach TodesfĂ€llen sprach, eine sauber vollgepiercte Zuschauerin und viele andere Menschen, die dem Publico durch ihre ehrliche und freundliche Art mehr Respekt abzollten als es auf mancher Con aus dem Graben spĂŒrbar ist.

Fotografen wie Nick Putzmann und Benajamin Pohle schossen derweil vor einer weißen Studiowand oder im Freien Fotos aller Freiwilligen. Die Fotos, Videos und Interviews landen, getreu dem Aktions-Motto ”Du gehörst ins Museum”, danach im Körperkunst-Archiv des Grassi. Es trĂ€gt, das ist jetzt schon von den Kurator*innen beschlossen, fĂŒr die kommenden Jahrhunderte den Namen “Living Archive” — zack!

Damit das Archiv auch wirklich von der ersten Sekunde an lebt, gibt’s im Grassi vom 22. September 2017 bis zum 7. Januar 2018 die direkt aus den bisherigen Aktionen gespeiste Ausstellung “(un)covered”. ”Ausgehend von den zahlreichen Geschichten und Fotografien”, so die erfreulich entspannten People vom Museum, “entsteht von der örtlichen Sicht ausgehend eine weltweite Schau. Mit Objekten, Fotografien, Zeichnungen aus den Sammlungen der Völkerkundemuseen in Leipzig, Dresden und Herrnhut, mit Performances und zeitgenössischer Kunst liefern wir neue Blickwinkel auf die intimen, aber immer öfter sichtbaren Tattoos und Piercings.”

Übringens: Das alles untergrĂ€bt niemandes Coolness, sondern es ist eine saugeil, liebvoll, jung und urteilsfrei umgesetzte Sache, die Tattoos ein verdientes, schönes und zeitgemĂ€ĂŸes PlĂ€tzchen an einem duften Ort einrĂ€umt. Ganz ohne Bartkratzen, BedenkentrĂ€gerei und Bluff. Geht hin und macht mit!

Link: http://www.mvl-grassimuseum.de/ausstellungen/2017/tattoo/


Diskussion zu TÀtowierungen und KriminalitÀt


Grassi Museum fĂŒr Völkerkunde und Dr. Mark Benecke: Interaktive TĂ€towierungen

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