Wir sind infiziert:​​​​​​​ Dr. Mark Benecke über den Zombie-Kult

Quelle: Y Das Magazin der Bundeswehr, 360°, November 2013, Seiten 76 bis 81

 

VON RONALD ROGGE

 

Filme und TV-Serien über Zombies sind derzeit wieder sehr populär. Y wollte wissen - warum, durchwühlte die Archive der Filmindustrie und befragte einen Kriminalbiologen.

Das Virus ist ausgebrochen! Es ist schnell. Es ist tödlich. Niemand kann sich ihm entzeihen. Auf niedrigste Triebe reduziert, mit offenen Wunden, verwesend und untot jagen die Infizierten die Überlebenden. Zombies sind unter uns. Aber das Virus existiert nicht in der realen Welt. Über die Medien breitet es sich aus. Es befällt Kinoleinwände, Fernsehbildschirme, Laptops und Buchseiten. Spätestens mit großen Produktionen wie "28 Days later" und "World War Z" sowie der Fernsehserie "The Walking Dead", der erfolgreichsten Pay-TV-Serie aler Zeiten, ist das Phänomen im Mainstream angekommen. Zur besten Sendezeit machen Zombies jagd auf Menschenfleisch.

Der Glaube, dass die Toten zu den Lebenden zurückkehren und ihnen Leid antun, ist eine tief sitzende Angste der Menschen. Hollywood griff den Stoff in den 30er-Jahren auf, nachdem mit der amerikanischen Besetzung Haitis (1915-1934) der Voodoo-Kult in den USA durch Comics und Bücher bekannt wurde. In den frühen Filmen waren die Zombies deshalb von Magiern kontrollierte Scheintote. Zombies als wandelnde und verwesende Leichname kamen erst ab 1968 mit de Klassiker "Die Nacht der lebenden Toten" auf. Es folgte eine Hochphase der Zombie-Filme in den 70er und 80er-Jahren, in der unzählige Movies zwischen Trash und Anspruch produziert wurden. Danach galt die Figur des Zombies in der Filmindustrie eigentlich scho als tot. Die Menschheit wurde von außen bedroht, eigentlich fast immer aus dem Weltall. Erst durch die Erfindung des apokalyptischen Virus-Zombies erlebte das Genre einen neuen Aufschwung. Für den Kriminalbiologen Mark Benecke liegt die Erklärung hierfür im Bereich der Parawissenschaften: "Die Ursachen für igrendetwas werden immer kleiner. Große Effekte wie Strahlung sind hnreichend untersucht und schließej sich als Ursache für Zombies aus. Also wird man kleiner. Bei Viren kommt dazu, dass Epidemien wie Schweine- und Vogelgrippe und so weiter gezeigt haben, dass sie Erreger kombinieren und von einer Art auf die andere überspringen können. Das muss man grundsätzlich ernst nehmen. Eine andere Grenze ist die zwischen Leben und Tod."

Genau hier setzen die Filme macher an. Ein Erreger, meist in den Geheimlaboren des Militärs gezüchtet, bricht unkontrolliert aus und infiziert die gesamte Menschheit, die sich in Untote verwandelt. Ein paar (Un-)Glückliche, die ums Überleben kämpfen, ausgenommen. Erweitert wird der Stoff dann noch um eine soziale Utopie oder Anti-Utopie, je nach Standpunkt. Die Zivilsation liegt am Boden. Staatliche Strukturen existieren nicht mehr, die Infrastruktur ist zerstört. Die menschen jagen und versuchen sich in kleinen Gemeinschaftten am Ackerbau, an Milchwirtschaft und an der Handarbeit. Hoffnungen von Generationen alternativen Denkens haben sich damit erfüllt. Endlich ist Zeit, sich auf de wirklich einfachen Dinge im Leben zu konzentrieren. Wären da nicht die Zombies und deren Gier, zu beißen und die Überlebenden zu fressen. ier beginnt der wahe Horror. "Kannibalismus ist die extremste Verhaltensabweichung, die es gibt", erläutert Benecke. "Es ist schon vorgekommen, dass Menschen, Menschenfleisch gegessen haben, allerdings meist in Notsituationen wie nach einem Flugzeugabsturz. Wenn dann noch dazu kommt, dass jemand nicht mehr die Entscheidungsgewalt über sich hat, werden extremste Ängste ausgelöst."

Die Erfahrungen aus der kriegerischen Menscheitsgeschichte zeigen, dass trotz des Ensatzes biologischer und chemischer Kampfstoffe, trotz Massaker, Völkermord und Vergewaltigungen immer noch das Tabu des Kannibalismus bleibt. "Der Zombie ist damit das krasseste, stupideste und entmenschlichste Wesen, dass man sich vorstellen kann", erklärt Benecke. Das Gegegnteil sei die Figur des Vampirs. "Der ist auch untot, kann aber verführen, tiefe Gefühle äußern, romantisch oder gewaltätig sein, freundlich oder brutal. Das kann der Zombie alles nicht."

Die Filmemacher übersteigern das Motiv darüber hinaus. In manchen Produktionen dringt das Virus in Familien ein: Mütter versuchen, ihre Kinder zu fressen oder umgekehrt und jene, die überleben wollen, stehen vor der Entscheidung, ihre Liebsten zu töten.

So bluttriefend und angsteinflößend es auch sein mag, Zombies haben Hochkonjunktur. Auch bleibt der Hype nicht auf die Bildschirme beschränkt. Für viele ist der Anblick einer Horde Untoter am hellichten tag inmitten einer Großstadt inzwischen kein Grund mehr, in Panik auszubrechen. Eher ein Grund zum Mitmachen oder zumindest zum Zuschauen. Es droht dann nicht der Weltuntergang, sindern ein Gemeinschaftserlebnis der ganz besonderen Art: Der Zombiewalk.

Dabei schminken und verkleiden sich die Teilnehmer, nehmen die Rolle vo Zombies ein und schlurfen durch die Fußgängerzonen. Ein relativ junges Phänomen. Das erste Spektakel fans 2001 in Sacramento, USA, statt. Auch in Deutschland gibt es mittlerweile welche. Eines der letzten fand im September in Leipzig statt und hatte zirka 600 Teilnehmer - beim nächsten werden noch mehr erwartet.

Die Zombie-Mania scheint unaufhaltsam zu sein und mit ihr die Freizeit-Vertreter. Die allerdings gehen nach der makaberen Show nach Hause und zurück in den Alltag. In den Filmen wiederum ist das nicht so leicht. Dort müssen die Helden die Zombies immer durch einen gezielten Kopfschuss töten oder deren gehirn anders zermalmen. Ehrlicherweise muss allerdings gesagt werden, dass der größte Feind des Zombies nicht der gekonnte Schädelspalter ist. Es sind die Kritiker und das Publikum, die darüber befinden, wie lange der Stoff populär bleibt. Wenn keiner mehr einschaltet oder sich schminkt, wird das Virus bald verschwinden und tot sein.

Mit herzlichem Dank an Ronald Rogge und die Y-Redaktion für die Freigabe und die Genehmigung zur Veröffentlichung.