Tattoo Special: Dr. Mark Benecke

Quelle: Orkus! (Heft Nr. 02/2016), Februar 2016, Seiten 98 bis 100

VON MANUELA AUSSERHOFER

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Bei unserem diesmaligen Special erwartet Dich jemand ganz Besonderes: Dr. Mark Benecke. Seit über 20 Jahren ist der Kriminalbiologe auf dem Gebiet der wissenschaftlichen Forensik aktiv. Promoviert hat er an der Universität Köln im Institut für Rechtsmedizin. Neben all seinen Studien und Forschungen veröffentlicht er zahlreiche wissenschaftliche Artikel, Sach- und Kinderbücher sowie Experimentierkästen, ist politisch als Landesvorsitzender für Die PARTEI aktiv, Präsident der Organisation Pro Tattoo – und auch musikalisch nicht unerfahren: So nahm er zum Beispiel gemeinsam mit Sara Noxx eine Cover-Version von Nick Caves Hit Where The Wild Roses Grow sowie zum WGT 2015 Falcos Jeanny und aktuell Rilingers Vampire auf und geistert fett durch das Video Seven Lives von In Strict Con dence. Man könnte die Liste seiner Tätigkeiten noch lange weiterführen, doch widmen wir uns hier voll und ganz seinen Tattoos ...


Du hast viele Studien absolviert und an der Uni Köln auch deinen Doktor gemacht. Standen dir deine Tattoos jemals im Wege?

MB: Nö, hat keiner nachgefragt. In Köln wird das aber alles eh nicht ganz so eng gesehen. Meine Tattoos waren damals aber ja noch unter Klamotten, ich habe nicht mit tätowierten Händen angefangen. Am ehesten haben’s damals die Studentinnen gesehen, mit denen ich als einziger Mann drei Monate in Irland Lernexperimente mit Tintenfischen und Schnecken gemacht habe. Wir haben in einem kleinen Steinhaus auf einer Insel gewohnt, und manchmal war ich auch Krabben tauchen – mit den Krabben haben wir die Tintenfische im Labor gefüttert.


Musst du oft gegen Vorurteile kämpfen?

MB: Na ja, die Bundespolizei nimmt mich bekanntlich regelmäßig sehr asozial auseinander, und im Bio- und Drogeriemarkt schicken sie schon mal jemanden gucken, ob ich nicht was klaue. Ansonsten aber nicht.


Wie und wann hast du das erste Mal Tattoos in deiner Umwelt wahrgenommen?

MB: Im Schaufenster von Elektrische Tätowierungen in Köln-Mülheim, einem der ältesten (oder sogar DAS älteste?) legale (also nicht einfach geduldete) Studio in Deutschland.


Welches Tattoo hast du dir als Erstes stechen lassen? Wie alt warst du damals?

MB: Eine Echse aus einem Bestimmungsbuch für ... Echsen. Ich glaube, so kurz nach meinem 18. Geburtstag.


Was haben deine Eltern dazu gesagt?

MB: Die hatten sich schon wegen dem Ohrring genug aufgeregt ... Danach war’s nicht mehr so wild.


Wie aufgeregt warst du, als es darum ging, dein erstes Tattoo stechen zu lassen? Was war es dann für ein Gefühl, tätowiert zu sein?

MB: Ich fand das ganz normal, weil ich es normal finde, dass Erwachsene ihren Körper so herrichten, wie er sich anfühlen sollte. Ich fühle mich mit meinen Tattoos „richtiger“ und vollständiger.


Welches Tattoo hast du dir zuletzt stechen lassen? Welche Motive stehen in Zukunft noch auf dem Plan?

MB: Öh ... (kratzt sich am Kopf und überlegt) ... Ah, mal wieder ein Freestyle-Ding. Ich saß mit der lieben Sandy aus dem Studio von Randy auf einer leider sehr beschissenen Convention, da hat sie nachts eine Art Babyskelett in einer Glühbirne gezeichnet und am kommenden Tag neben mein Glückspony „Butterblume“ von Sarah Burrini auf den Oberschenkel gestochen.


Was ist aktuell dein Lieblingstattoo?

MB: Ich hab’ sie alle lieb.


Bereust du eines deiner Tattoos?

MB: Na ja, eins entstand mal auf sehr ungünstige Art – ein verfickter Nazi hat einfach die Maschine seinem Kollegen aus der Hand genommen und weitergestochen –, das habe ich mir dann umgehend mit einem psychedelischen Phantasie-Schnecken-Monster covern lassen. War aber nix Großes. Ich wollte die „bad spirits“ einfach nicht. Und ich habe mal den Fehler gemacht, den Namen meiner ersten Frau zu überstechen, weil meine zweite Frau endlosen Terror deswegen gemacht hat. Das habe ich aber wieder mit Weiß rückgängig gemacht, und jetzt steht ihr Name schöner als zuvor wieder da, wo er hingehört.


An welcher Stelle würdest du dir nie ein Tattoo stechen lassen?

MB: Unter dem Fuß, das hält nicht (und tut sehr weh).


Was war bis jetzt die schmerzhafteste Stelle?

MB: Rippen.


Bitte erzähle uns von drei deiner Tattoos die wahre Geschichte dahinter.

MB: Linke Hand: Das ist der Autobahnfink, der im Original sagt „Immer sauber bleiben“. Das hing, als ich Kind war, als Aufkleber an JEDER Autobahnraststätte auf echt allen Mülleimern und Klos. Ich habe bei eBay auch noch alte Originale davon gefunden, voll geil.

„K“ und „PINKKIMEIKKIPILLU“: Das Lange ist der finnische Schimpfname meiner Freundin Suzi9mm („Rosa-Make-up-Fotze“), den sie inhaltlich lustig findet und ich wegen den vielen Konsonanten. Das Kurze ist das Logo und der Anfangsbuchstabe unseres früheren Lieblingsgetränkes Koskenkorva, einem Roggenwodka für waschechte FinnInnen.

Vorne auf der Brust: Das Zeichen eines der mächtigsten Voodoo-Geden, Bawon Samedi, das ich in New Orleans habe stechen lassen, bevor die ganze Stadt abgesoffen ist – das Tattoo gab’s erst nach langen Diskussionen, denn der Tätowierer wollte aus Aberglaube zunächst ums Verrecken nicht ran. Vor ein paar Tagen habe ich das Samedi-Zeichen in Luzern wiedergesehen, bei einer sehr guten Ausstellung über Voodoo. Fand ich solide.


Wie stehst du zu anderen Bodymodifications? Hast du welche?

MB: Ich habe zwei Magneten implantiert, einen superfetten Nasenring (sechs Millimeter Stärke), bin mit einem RFID-Chip gedingst und halte Vorträge über Bodmods. Yes, sir, ma’m! (lacht)


Hast du einen Stammtätowierer?

MB: Nö, ich reise ja über 300 Tage im Jahr durch die Welt. Ich habe allerdings von Medellín bis Moskau treue Tattoo-Seelen, denen ich vertrauensvoll eine neue Idee anvertrauen kann, oder die mir ihre Idee auf die Haut zaubern können. Meine Frau kann auch tätowieren — das ist also alles easy.


Wie werden die nächsten Monate bei dir aussehen?

MB: Die jetzt gut sechsmonatige Tour geht zu Ende, und ich schreib’ ENDLICH mein neues Buch über seltsame Kriminalfälle, Mumien und die plötzliche Selbstentzündung von Menschen.
 


Mit großem Dank an Manuela Ausserhofer und die Redaktion für die Erlaubnis zur Veröffentlichung.