Steff Murschetz - Am liebsten schwarzweiß und ohne Micky Maus

Quelle: MifüMi 137 (Mitteilungen für Mitglieder der D.O.N.A.L.D.), Ausgabe 02/2016. In: Der Donaldist 150 (2016), Seiten 10 bis 13

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VON MARK BENECKE

Um anarchischen Geist auf dem Kölner Kongress kochen zu lassen, lud ich den Herausgeber der U‐Comix ein. Höflich, fast still und leise schaute er dem befremdlichen Treiben zu. Doch die stillen Wässer der Erde sind nicht laut, sondern tief.

Mark Benecke: Du bist ja aus den U‐Comix mehr als nur Wahnsinn gewohnt. Wie ist bisher das Verhältnis von Wahnsinn zwischen dem, was Du hier erlebst und dem, was Du an deinem Zeichen sch und bei der Herausgabe der U‐Comix erlebst?
Steff: Ist schon krass, der Wahnsinn hier. Nicht zu unterschätzen. Ich war erst ein wenig irritert. Allerdings, je mehr man hört von den Vorträgen, umso mehr kommt man auf den Geschmack.

Mark: Ergibt das alles auch schon Sinn für Dich? Hat es eine Logik oder entspricht es eher dem teils tollkühnen Unsinn, der durch die U‐Comix tobt?
Steff: Ich finde es irgendwie interessant, dass sich so viele Leute auf so eine Spielregel einigen und darauf einsteigen können. In den ́70er oder ́80er Jahren, als das losgegangen ist, war das schon irgendwie eine tolle Sache. Die Donaldisten scheinen ja auch alle irgendwie ganz ne miteinander umzugehen.

Ob das auch ́ne Art Cyberspace ist? Ich weiß ja nicht, was in ihren Köpfen abgeht. Ob die das dann privat nutzen und Entenhausen so gut kennen, dass sie da reinflüchten können, ohne die Comics zu lesen? Wenn man schon den ganzen Stadtplan kennt, wird das ja alles viel realer.

Mark: Ähnliches sagen wohl viele externe Betrachter der U‐Comix: „Sind die eigentlich alle auf Pilzen?“ Was glaubst Du — wer ist da stärker in seinen Eigenwelten? Deine Leute oder die Donaldisten hier?
Steff: Ich glaube, die hier.

Mark: Wie begründest Du das?
Steff: Ich kenne ja mehr Leute, die zeichnen, und die wechseln ja auch ihre Welten. Es ist eigenartig, das heute hier von der anderen Seite zu sehen. Bei ganz jungen Zeichnern ist es ja üblich, wenn sie als Kind anfangen, und sie finden einen Anschlussfehler oder irgendetwas geht schief...ich kann mich erinnern, mein Bruder hat mal eine Hand gezeichnet, da sahen die Finger so rund aus wie Blumen und dann hat er eine Geschichte daraus entwickelt, dass jemand Blumenhände kriegt.

Oder wenn Fehler da sind, war das früher so, dass die Zeichner sagten: „Kann ja dies und das passiert sein!“, dass sie schnell eine Geschichte hervorzaubern, die zwischen den Bildern hätte passiert sein können. Mittlerweile legt man das ab und man scheißt drauf, ob die Scheune mal links oder rechts steht neben dem Haus. Aber dass es Leute gibt, die da drauf einsteigen, das ist schon irgendwie toll.

Merkwürdig, ich glaube, ich werde beim Zeichnen jetzt jedes Mal darüber nachdenken, ob ich es mir leicht mache oder nicht.

Mark: Was hast Du gedacht, als Du auf die Kongress‐ Toilette gegangen bist und da noch das Poster entdeckt hast?

Steff: Ich war ein bisschen beruhigt. Da kann ich vielleicht auch etwas Abgedrehteres über den Kongress zeichnen (erscheint in U‐Comix, Ausgabe Mai 2016).

Schwer einzuschätzen war für mich, wie bieder oder spießig die Leute sind. Ich hab’ zur Zeit auch mit anderen Comic‐Fans zu tun, die etwas älter sind, die Hansrudi Wäscher‐Fans, die ihre Welt auch genau kennen und es sehr eng sehen, wenn man da mal abweicht.

Mark: Inwiefern hast Du mit den Hansrudi Wäscher‐Fans zu tun? Das sind ja keine U‐Comix, die er gezeichnet hat.
Steff: Nee, ist aber auf jeden Fall ein Comic‐Pionier, den man auch ernst nehmen sollte. Wir Comic‐Zeichner begeistern uns natürlich für Leute, die was geleistet haben, und er ist wie der deutsche Jack Kirby, er hat unheimlich viel rausgehauen, und zu der Zeit war es auch gut. Die Kinder waren begeistert, die sind bis heute geprägt, die sind ja heute fast alle über 60. Es ist auch sehr angenehm, mit diesen Menschen zu tun zu haben, die sind alle gut erzogen, freundlich, man kommt sich selber vor wie der letzte Barbar (lacht). Es ist einfach sehr schön.

Ich bin seit längerem mit denen im Gespräch, ob ich ‚Falk‘ fortsetze. Das zieht sich jetzt, glaube ich, schon fast zwei Jahre. Ich kriege immer wieder einen neuen Ansprechpartner, zeichne die Sachen immer wieder neu, weil die noch zu viel eigenen Stil haben — aber ist auch gut so. Ich mag Herausforderungen.


Mark: Nachdem Du heute die Diskussion um theologische Einordnungen und die donaldistische Text‐ und Bild‐Exegese gehört hast: Wo ziehst Du die Grenze, was Du in die U‐Comix reinnehmen würdest, und dem, was einfach ein historisches Comic‐Vorbild ist? Wirst Du künftig andere Kriterien anlegen? Ab wann düfte Al Taliaferro in die U‐Comix?
Steff: Kenn’ ich gar nicht (lacht). Kommt darauf an, was der Comic aussagt. Wenn ich damit nicht einverstanden bin oder das so belanglos ist ... normalerweise habe ich so ein paar Comics, die ich abstoßen muss, die mir zu einfach sind. Die meisten Geschichten, die in Amerika spielen und Geschichten, die von Polizisten handeln, weil das wie Massenware kommt.


Mark: Mit „Polizisten“ meinst Du, wenn sie einen auf die Glocke kriegen oder sich dumm benehmen?
Steff: Nein, es geht mir da so um die Klischees, die besonders junge Zeichner oft beim Mainstream‐Kino abschauen, weil sie ihre eigenen Lebenserfahrungen noch nicht für umsetzungswürdig halten. Also Ex‐Cop, Ex‐GI, Ex‐Söldner und so weiter rettet mit Gewalt die Welt und ähnliches. Eine gute Geschichte baut schon auf eigenen Erfahrungen und Gedanken auf, selbst wenn es extreme Science‐Fiction oder ein Western ist.

Mark: Also nicht wie bei Robert Crumb, wo die Polizisten ins Klo reinballern.
Steff (lacht): Genau. Und ansonsten — heute ist ja eh nicht mehr so krass mit dem Underground. Wir sehen das auch mehr als Independent‐Comics. Die Technik und die Qualität ist mir eigentlich wichtiger, als dass das jetzt unbedingt ... also am Anfang haben viele von uns absichtlich Schimpfworte eingebaut und es ganz rau gestaltet, das war eigentlich eher peinlich. Man sah, dass die sich unter Underground eher sowas vorstellen.

Für mich ist Underground eigentlich, dass der Zeichner so ziemlich machen kann, was er will und sich entfaltet, und wenn er was zu sagen hat, ist es gut.

Mark: Würdest Du eine frühe Barks‐Geschichte reinnehmen, die am Ende jeder Seite ein Gag hatte und die man damit auch als One‐Pager hätte drucken können?
Steff: Ja, so wie „Münchhausen“ in den laufenden U‐Comix auch. Kennst du Matthias Kringe?

Mark: Ja klar. Auch seine Tochter.
Steff: Der war ja schon bei uns im Heft drin. Ist eine Entengeschichte, das hat mir sehr gut gefallen, weil ich dachte, jeder kennt Donald aus der Kindheit und würde sich geborgen fühlen, wenn sowas drin ist.

Hätte ich gerne durchgehend dabei gehabt. Obwohl, natürlich ist das rechtlich sehr waghalsig mit Donald und seinem Kosmos.

 

 

Mark: Sagen wir mal, es wäre rechtlich möglich, würdest Du dann eine der Barks‐Geschichten — die sind ja teilweise auch grob abgespaced, mit drogenartigen Sequenzen... dieser Wahnsinn, würde der Dir reichen?

Steff: Mir würde der reichen. Und ist ja auch ganz nah verwandt, der Disney‐Krams zu den Crumb‐Sachen. Crumb hat sich an Disney orientiert, er hat etwas mehr gestrichelt, aber die Figuren sind genauso aufgebaut wie in den alten Trickfilmen, mit denen Crumb und die Leute aufgewachsen sind. Das liegt nicht weit auseinander.


Mark: Moment — Crumb hat sich an Disney angelehnt?
Steff: Ja, er und die anderen Zeichner, also die Funny‐Underground‐Zeichner, haben sich stark an die Disney‐Sachen angelehnt. Allerdings ist das Disney‐Zeug natürlich auch gereinigt. Die dürfen nicht alles machen, und du kennst bestimmt auch die Sache mit den Air Pirates — der Underground‐Zeichner, der hat Mickey und Minnie poppen lassen.


Mark: Ach so, ja — Eight‐Pagers.
Steff: Nein, ich glaube das waren keine Eight‐Pagers. Jedenfalls wurden die auf Unmengen, ́zig Millionen, verklagt. Der Zeichner hat aber nicht aufgegeben und hat dann immer wieder einen draufgesetzt und hat dann eben noch den Spruch abgelassen: „Wenn man einen Fehler einmal macht, ist man dumm, und wenn man einen Fehler zweimal macht, ist das eine Philosophie.“

Ich habe mal einen Riesenbericht über ganz viele Comic‐Zeichner gesehen, alles tolle Leute, aber die, die für ihr Leben verschuldet waren, waren die Coolsten. Die hatten die Frau mit den dicksten Titten, standen am Billard sch, sahen aus wie Biker. Hab ́ ich mir immer so erklärt: Die haben es eh ́ vermurkst fürs Leben.

Ich glaube, es gab hinterher einen Vergleich, und die waren gar nicht ihr Leben lang verschuldet. Aber ich habe die immer so ein bisschen als Vorbild gesehen.


Mark: Würdest Du Dich denn heute in Aussicht auf die vollbusigen Chicks, die dann Deinen Büchertisch umwimmeln würden, und vielleicht auch auf höhere Auflagen, würdest Du Dich lebenslang verschulden? Oder würdest Du das jetzt im Jahr 2016 doch nicht mehr machen?
Steff: Das mit dem Verschulden kommt eh` automatisch mit den U‐Comix, da muss ich mir keine Gedanken darüber machen.

Aber einen Rechtsstreit würde ich lieber nicht riskieren. Wir haben schon ein paar Sachen nicht abgedruckt. Wir hatten anfänglich eine Werbeagentur, die uns unterstützt hat, und die hat einen Medienanwalt, und da haben wir so ein Sonderheft gemacht zum Thema „30 Jahre „1984“ — Überwachungs‐Staat“. Da hatten wir uns eine schöne Doppelseite mit einem Asterix‐Dorf ausgedacht, wie das halt wäre, wenn das auch zum Überwachungsstaat geworden ist, und Obelix sitzt gerade auf dem elektrischen Stuhl und Miraculix dealt mit Drogen, Automatix ist Waffenfabrikant und alles halt so umgekippt.

Da hat er uns aber stark von abgeraten, weil der Uderzo jeden verklagt, auch seine eigene Schwester. Wie es bei Disney ist, weiß ich nicht.


Mark: Hier auf dem Kongress schert sich kein Mensch um irgendwelche Copyrights: Überall hängen selbst gezeichnete Plakate. Würdest Du den Donaldisten nach dem, was Du jetzt gesehen hast, eine Prise Underground attestieren?
Steff: Auf jeden Fall. Seitdem wir den Anwalt nicht mehr haben, wagen wir auch mehr. Weil das so einfach keinen Spaß macht. Im Moment beschränkt sich das halt aufs Vorwort — die Schlümpfe hatte ich letztens drin gehabt und diesmal sind die Daltons drin, weil ja Lucky Luke 70 wird. Mach ich schon gerne.

Sicherer ist man, wenn man mit Figuren arbeitet, die halt Copyright-frei sind inzwischen. Ich hab vorletztens gehört, dass immer, wenn es mit Mickey Mouse und Donald soweit wäre in Amerika, dass dann die Lobby Politiker schmiert, um eine Gesetzesänderung zu kriegen, und um diese Frist, bis es gemeinfrei wird, weiter rauszuschieben, damit nicht jeder diese Figuren nutzen kann. Ist so eine Sache...


Mark: Hast Du, als Du jünger warst, überhaupt Comics gelesen?
Steff: Ja.


Mark: Was ist Dir in Erinnerung geblieben?
Steff: Das früheste, an das ich mich erinnern kann, ist Frankenstein von Marvel (Williams), das war das erste Gesicht, das ich kopiert habe. Wahrscheinlich war davor noch ein bisschen was von Wäscher, ich kann mich erinnern, dass ich solche Szenen mit Tusche gezeichnet habe, als ich sechs oder sieben war.

Donald finde ich superklasse, und es ist immer noch so, wenn ich krank bin und was brauche, was meiner Seele gut tut, dann hab ich am liebsten ein Lustiges Taschenbuch. Am liebsten in schwarz‐weiß und ohne Micky Maus.


Mark: Lustige Taschenbücher? Nicht unbedingt Barks, sondern...
Steff: Muss nicht Barks sein. Ich finde Barks sehr gut, ich mag auch Don Rosa, und es gibt wohl noch einige andere Gute, da bin ich nicht so auf dem Laufenden. Ich finde das Format von den Taschenbüchern, das hab ́ ich in der Kindheit kennen gelernt, eigentlich sehr schön und griffig. Vor allem waren damals ja noch Schwarzweiß‐Seiten drin, und ich versuche, die meisten Comics, die so industriell entstanden sind, in schwarz‐weiß zu kriegen, wo man den schwungvollen Strich viel besser sieht. Das ist einfach schöner.


Mark: Da hab ich auch noch ein paar. Aus den USA gibt es auch eine unkolorierte Barks‐Sammlung auf englisch. Hast Du das Barks‐Panel denn vorhin im Vortrag erkannt, als diese drei Cover als Beispiele für weniger gute Zeichnungen gezeigt wurden, was wiederum PaTrick Bahners aufbrachte?
Steff: Natürlich sah das alte Titelbild schon toll aus. Diese Szene im Wald...aber die anderen waren auch nicht schlecht. Nicht wirklich. Okay, die hatten nicht so einen schönen Strich, der war ein bisschen öde und die Farben sehr einfach.

 

 

Mark: Du bist ein gütiger und verzeihender Herausgeber.

Steff: Ich weiß ja, wie schwer das ist, so viel rauszubringen. Keine Ahnung, wie es da bei Disney genau läuft.


Mark: Ja, das weiß wohl wirklich keiner. — Diese Höllenaufgabe mit den U‐Comix, die Du Dir da an die Backe getackert hast, ist natürlich der Wahnsinn. Letzte Frage dazu: Ich habe mal in einem Vorwort von Dir gelesen, dass Ihr euch irgendwie gezankt habt ganz am Anfang, und Du hast dann alleine weitergemacht.
Steff: Nach ein paar Heften haben wir uns von dieser Werbeagentur, die das am Anfang finanziert hat, getrennt. Die hätten das Heft eh nicht mehr weitermachen wollen, weil es zu ihren Geschäftskunden nicht passt, sie kriegten auch keine Anzeigen rein. Der Typ konnte damit nicht glänzen, auch nicht bei seiner Frau und nirgends.

Die hatten alle kein Verständnis dafür und verstanden unsere Intention nicht. Seine Zeichnungen wurden einmal kritisiert und dann hatte er kein Spaß mehr, und das hat er manchmal stark rüberkommen lassen. Da kann man ihn ja nicht zwingen.

Aber ich wollte unser Heft nun auch nicht an die Vorstellung der Werbeagentur anpassen. Ich habe ihm dann nahegelegt, aufzuhören und hab glücklicherweise jemanden gefunden... Erst einen bekannten Comic‐Zeichner, in Erlangen auf einer Party. Als er betrunken war, wollte er alle Kosten übernehmen. Als er nüchtern war, sah es ganz anders aus — der Klassiker.

Aber dann hab ich einfach einen alten Schulkollegen gefragt, der auf Montage war zwischendurch und recht gut verdient hat. Der hat mit Comics gar nicht viel zu tun, aber schon kurz nach der Schule Kunstprojekte mit mir verwirklicht. Der hat gefragt, „Wieviel brauchste?“, ein Konto für U‐Comix eingerichtet und dann ging’s weiter.


Mark: Damit zum Schluss: Hast Du denn nach dem, was Du heute auf dem Kongress gesehen hast, einen Rat aus der Welt der alten U‐Comix sowie der neuen, die Du jetzt machst, für uns Donaldisten?
Steff: Ich weiß ja nicht, inwieweit Ihr selbst Sachen verlegt. Kennst du noch früher, dieses Fanzine, Donald Punk?


Mark: Nee.
Steff: Das gab es in den ́80ern, das war auch ein tolles Ding. Und ich recherchiere die ganze Zeit nach Darnold Duck, das war ein total runtergekommender Donald mit Zähnen und so. Aber das ist halt noch vor dem Internet gewesen, und da findet man schwer Sachen.

Ich fänd’s gut, wenn ihr mal was verlegen würdet oder irgendwas Verrücktes machen würdet, was rauskommt, was man lesen kann. Ich weiß nicht, ob mir nicht diese wissenschaftlichen Werke zu anstrengend und zu trocken sind. Obwohl mit dem Stadtplan, das ist erfreulich. Wenn mir ein Platz einfällt, wo man den hinhängen kann, würde ich mir den holen. Das ist ja eine tolle Sache.


Mark: Den kriegst du von mir geschenkt, das ist kein Problem, da schicke ich dir einen. Vielen Dank, cooler Steff, und ich bin sehr gespannt auf deine Kongress‐Geschichte.