Mark Benecke: Insekten essen

Quelle: PETA Deutschland / veganblog.de · http://veganblog.de/ernahrung/mark-benecke-zum-thema-insekten-essen / 6 Minuten Lesezeit

Warum nicht einfach Insekten essen? Mein Kollege Louis Sorkin aus dem New Yorker Naturkunde-Museum veranstaltete ein Insekten-Buffet zur Jubiläums-Tagung der Entomologen. Dave Gordon führte Kindern und mir beim Insektentag in Washington live vor, dass in Reis gekochte Larven gar nicht auffallen. Der japanische Kollege Kenichi Nonaka schenkte mir bei einem Kongress in Brasilien seine Broschüre über die Vorzüge von Wespen als Nahrung, und die mexikanische Biologin Ramos-Elorduy trug die Nährwerte essbarer Insekten zusammen.

 Aus Dave Gordons Insekten-Kochbuch "Eat-A-Bug Cookbook"

Aus Dave Gordons Insekten-Kochbuch "Eat-A-Bug Cookbook"

Tatsächlich sind manche Insekten wie Schaben, Grillen und Wespen leicht zu züchten. Ihre Körper enthalten fast alles, was der Mensch ernährungstechnisch braucht. Schön anrichten kann man sie auch.

Die Tiere sterben uns weg

Doch das ist Geschichte. Wir haben im Jahr 2017 nicht nur das größte Insektensterben seit — im wahrsten Sinne des Wortes — Menschen-Gedenken erlebt, sondern es sterben uns, noch weniger beachtet, auch die Amphibien weg. Das sind zwei riesige Tiergruppen.

Es ist in etwa so, als würde ich am Rand bemerken, dass Australien und Asien von der Erdoberfläche verschwinden, doch niemanden würde es kümmern. Komisch, oder?

Im Jahr 2018 sind wir soweit, dass wir uns für einen dystopischen Landbau entscheiden müssen, der auf der einen Seite gegen Wüstenstaub (Peking) und auf der anderen gegen Wassermassen (Salzwasser-Spiegel) kämpft. Um die Erde weiter zu besiedeln, müssen wir sie wie verrückt düngen, Wildkräuter töten und Tiere in Horror-Knästen züchten. Geht alles.

Bessere Roboter dank Tüpfel-Schaben

Es muss aber nicht sein. Wir könnten auch von Tieren lernen und Pflanzen essen. Soeben haben meine Kolleg*innen Tom Weihmann, Pierre-Guillaume Brun und Emily Pycroft beispielsweise herausgefunden, dass Tüpfel-Schaben eine zuvor unbemerkte Gang-Art beherrschen (1). Das ermöglicht es, Roboter erstens sicherer und zweitens mit viel weniger Energie laufen zu lassen. Find‘ ich sehr geil: Ich mag Schaben und Roboter.

Je länger ich mit wirbellosen Tieren zusammen lebe und arbeite, umso mehr verstehe ich auch, dass es nicht nur um das – zwingend notwendige – Mitgefühl geht. Schweine und Kühe trauern und haben Angst, mit und ohne uns. Das ist leicht zu begreifen.

Alle Tiere sind wichtig und unersetzlich

Doch auch Tiere ohne Knochen sind im Kreislauf des Lebens unersetzlich. Sie sind zudem sehr lehrreich. Ich etwa lebe seit zwanzig Jahren mit Fauchschaben zusammen. Es hat erstmal zehn Jahre gedauert, bis ich verstanden habe, dass sie viel besser als erwartet lernen, wann und wie und wo es Futter und Action geben könnte, welcher nächtliche Streit um den besten Sitzplatz sich lohnt und welcher nicht, und dass sie Überlebens-Tricks – von sauguten Verstecken bis zu Geschlechts-Wechseln – beherrschen, die ein bis zwei Forscher*innen-Leben füllen könnten.

 Mark Benecke mit seinen Kumpels, den Fauchschaben (Foto: Ines Benecke)

Mark Benecke mit seinen Kumpels, den Fauchschaben (Foto: Ines Benecke)

Das Zusammenleben mit Tintenfischen in Irland hatte mir schon davor gezeigt, dass die schönen Tiere, ebenfalls ohne Knochen, nicht nur fantastisch an ihre Umwelt angepasst sind, sondern sogar in menschlichen Maßstäben vollständige Persönlichkeiten haben.

Persönlichkeiten der vier Tintenfische

Der eine war ein Halunke („Al Capone“), der beim Lernen gepfuscht, also abgeguckt hat. Ein anderer wollte kuscheln und daher unbedingt ins Nachbar-Aquarium („Romeo & Julia“). Mein Lieblings-Oktopus hat uns mit großen Augen beim Schreiben und Lesen (!) am Schreibtisch zugeguckt, und ein vierter war zu Tode beleidigt: Er hatte erfolgreich gelernt, dass er eine Krabbe erhält, wenn er auf einen roten Punkt tippt. Nun kriegte er die Krabbe aber auf einmal aber nur noch für ein grünes Dreieck. Tagelang saß er in einer Ecke und schaute uns nicht mehr an.

Das eigentlich verblüffendste habe ich erst hinterher verstanden: Die Tiere konnten uns alle unterscheiden (sie sehen sehr gut) und ließen sich freiwillig aus dem Wasser auf die Hand nehmen.

Sie hatten uns ihr Vertrauen über Leben und Tod geschenkt.

Zum Vergleich: Was die coolen Weichtiere taten war, als würde ich einem körperlich weit überlegenen Meeres-Tier auf die Hand laufen und dem Lebewesen erlauben, mich zu sich unter Wasser zu nehmen. Welcher Mensch hätte dieses Vertrauen, ohne die Chance darauf, sich selbst zurück an die Luft zu bewegen? Die Tintenfische haben es aus Freude am Spiel, ohne Futterbelohnung, ohne Bestrafung, ohne Sinn und Ziel einfach getan, weil sie uns zutrauten, dass wir sie gut behandeln. Merken Sie was?

Kein Wunder: Meine Kolleginnen haben geweint, als wir die Tintenfische nach einigen Wochen wieder zurück ins Meer an der Küste Galways gebracht haben, wo auch unser Labor (eine Steinhütte) lag. Die Mollusken waren Freunde geworden, ohne Eso-Gekuschel, ohne Wunschdenken, ohne Vermenschlichung, sondern täglich acht Stunden lang ordentlich gemessen und dokumentiert.

 Insekten-Kochbücher im Buch-Regal von Mark

Insekten-Kochbücher im Buch-Regal von Mark

Keine Gründe für Insekten essen

Es gibt also viele Gründe, von Tieren zu lernen und sie fair zu behandeln. Es gibt aber keinen einzigen Grund, Tiere zu essen, zu quälen, einzusperren oder in eine auch für Menschen ressourcenkatastrophale Gewinn-Kette einzuspannen. Das gilt für Wirbeltiere, deren industrielle Nutzung mehr Wasser und Energie kostet sowie Treibhausgase erzeugt, als es bei ruhigem Denken verständlich sein kann. Es gilt aber auch für Insekten.

Massenzucht von Insekten funktioniert genauso wenig wie die Zucht von anderen Tieren

Selbst die schon erprobte und angeblich probate Fischzucht in Meeresbecken endete wie die Zucht von Schweinen und Kühen: Mit Krankheit und Rohstoff-Verschwendung. Mit Insekten ist es genauso: „Monokulturen“ und industrielle Tierzucht, das wissen wir aus jedem einzelnen Experiment, klappen nicht. Der Grund ist bekannt. Massenzucht stellt die Grundlage dessen, wie Leben auf der Erde seit Jahrmillionen aufgebaut ist — nämlich in Kreislaufen, durch Vielfalt und Kooperation — auf den Kopf.

Bewiesen: Tierfutter-Herstellung haben Auswirkung auf Insekten

Das ist ein paar Jahrzehnte lang zwar bemerkt, aber aus dem Wunsch nach mehr und immer mehr verdrängt worden. Im Jahr 2018 sind die Verwüstungen durch industrielle Tier-Produktion nun aber so sauber dokumentiert, dass es keine Nebelwände mehr geben kann. Die Auswirkung des lebensverneinenden Landbaus, meist zur Tierfutter-Herstellung, auf Insekten haben unter anderem meine Krefelder Kolleg*innen um Martin Sorg wissenschaftlich dargestellt: Bienenfleißig und trotz des rituellen, die Tatsachen verneinenden Gegenwindes haben sie das mit den Atem raubende Insektensterben spurenkundlich aufgezeichnet und bewiesen (2).

Es ist Zeit, erwachsen zu werden

Wir sind zu viele Menschen. Das ist, wie es ist. Aber Tiere und deren „Produkte“ können wir künftig nicht mehr essen und „verwerten“. Die aufwändige und störanfällige „Tierproduktion“ zerstört unsere Lebensgrundlage sonst noch schneller, als wir es umfassend begreifen und dokumentieren, geschweige denn beheben können.

Egal, ob Schabe, Stinktier, Schlage, Schwein oder Chinchilla: Wir müssen die uns umgebende Lebenswelt ernst nehmen, von ihr lernen und verstehen — aber nicht aufessen und ausbeuten.

Mehr zu Mark Benecke findet Ihr auch unter http://PETA.de/MarkBenecke

(1) Tom Weihmann, Pierre-Guillaume Brun & Emily Pycroft (2017) Speed dependent phase shifts and gait changes in cockroaches running on substrates of different slipperiness. Frontiers in Zoology, Band 14, Seiten 54 ff., DOI: https://doi.org/10.1186/s12983-017-0232-y

(2) Hallmann CA, Sorg M, Jongejans E, Siepel H, Hofland N, Schwan H, et al. (2017) More than 75 percent decline over 27 years in total flying insect biomass in protected areas. PLoS ONE, Band 12, Ausgabe 10, Seiten e0185809 ff., https://doi.org/10.1371/journal.pone.0185809

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