In Krimis sind Chemie und Biologie oft nur Lametta

Deutsche Polizei (GdP) Heft 2/2018, Seite 37—39.  Die Fragen stellte Michael Zielasko. Mit Dank an die Redaktion für die Erlaubnis zur Veröffentlichung.

 

http://benecke.com/pdf/deutsche_polizei_mark_benecke_interview_gdp_thueringen.pdf

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Er hat sich ein neues Tattoo stechen lassen, aus leidenschaftlicher Verbindung zu Thüringen und zu Weimar. Das dortige Stadtwappen sollte es sein. Der Löwe inmitten der Herzen jedoch musste einer Made weichen. Er hat sich dem klinischen Vampirismus verschrieben und erforscht zudem das Entenhausener Universum der Familie Duck. Die „größten Misserfolge“ seiner Schlager-Punkband hat er auf eine CD prägen lassen und als Bestandteil des DJ-Dreigestirns „Chaos Team“ sind Auftritte unterhalb von „exzentrisch“ eher nicht zu erwarten. Seit 17 Jahren wird jeden Samstag Dr. Mark Benecke den Hörern des rbb-Radioeins-Magazins „Die Profis“ als bekanntester Kriminalbiologe der Welt vorgestellt. Kein Wunder, denn der 47-jährige Kölner Wissenschaftler absolvierte weltweit diverse fachspezifische Ausbildungen. DEUTSCHE POLIZEI (DP) sprach mit Deutschlands einzigem öffentlich bestellten und vereidigten Sachverständigen für biologische Spuren und frisch gekürten Ehrenmitglied der GdP Thüringen.

DEUTSCHE POLIZEI (DP): Dr. Benecke, und wir dürfen jetzt erfreulicherweise Kollege Benecke sagen, jüngst war zu lesen, dass die Insektenvielfalt offenbar stark abnimmt. Setzt sich diese Entwicklung fort, wird dann die kriminalbiologische Untersuchung ungeklärter Todesfälle schwieriger?

Dr. Mark Benecke: Ja, wird sie. Abgesehen davon, dass uns dadurch auch die gesamten Lebensnetze zusammenbrechen und wir dann nix mehr zu essen haben. Allerdings: Ohne Menschen gibt‘s auch keine Verbrechen mehr. Vor dreizehn Jahren ist das Insektenproblem erstmals aufgefallen. Da starben uns im Sommer die Schmeißfliegen weg, deren Larven wir als kleine Uhren zur Leichenliegezeit-Bestimmung verwenden.

DP: Und das war bis vor kurzem noch ganz anders?
Benecke: Ja, heute staunen wir, wenn wir uns alte Fälle ansehen: Was da alles an Insekten, Spinnentieren, Asseln, Schnecken und Krabblern aller Art an den Leichen war.

DP: Ist Deutschland überhaupt gut aufgestellt, wenn es um die forensischen Wissenschaften geht? Und finden hervorragend qualifizierte Wissenschaftler den öffentlichen Dienst überhaupt attraktiv genug?

Benecke: Der öffentliche Dienst ist superattraktiv – wenn ein Mensch gern lange Linien im Leben hat. Alle, aber auch wirklich alle meiner Studierenden würden sich vor Freude einen Arm ausreißen, wenn sie verbeamtet würden und so ihr Leben gut planen könnten. Auch kauzigere Forscherinnen und Forscher können sich in einem staatlich-kriminalistischen Labor wohlfühlen – wenn sie dort keine oder zumindest nur wenige Menschen um sich haben und diese nicht auch noch „führen“ müssen.

Es ist eher so, dass es nicht so viele Stellen gibt. Bei mir war es beispielsweise so, dass ich bei der Kölner Polizei nach meiner USA-Rückkehr nur deshalb nicht angestellt werden konnte, weil es keine Stellen für wissenschaftliche Akademiker gab, nachdem eine Umstellung auf „nur Polizei bei der Polizei“ erfolgt war. Ich habe daraufhin gesagt, dass sie mich halt einfach als technischer Angestellter oder Regierungsangestellter einstellen sollen. Das war aber verboten: zu niedrige Einstufung – obwohl mir diese völlig egal war und ist.

Zum Standort: Abgesehen von den Stellen sind viele Deutsche von Herzen Tüftler, und alle meine forensischen Lieblingsgeräte wie Mikroskope, Kamera oder Tatort-Lampe stammen daher aus deutscher Herstellung. Ich mag diese Geräte, weil sie grundstabil sind, oft ohne Schnickschnack auskommen und natürlich auch leichter repariert und gewartet werden können. So gesehen sind wir in Deutschland also besser aufgestellt als viele andere Länder, in denen ich aber natürlich auch gern arbeite.

Übrigens: Manche Firmen haben mich sogar die Kosten für Geräte abstottern lassen, oder es war angeblich etwas „darauf gefallen“ und der Gerätefuß hatte dann eine „Delle“, so dass wir uns das Teil erst leisten konnten.

DP: Aber es geht doch nicht nur um Verbeamtungen oder tolle Geräte?

Benecke: Mir selbst geht es nicht um die Attraktivität des Arbeitgebers. Entscheidend ist, ob ich mit Einsatz, Zusammenarbeit und Energie in einem Fall weiter komme. Das geht oft nicht leicht und schnell, aber eine Eiche wächst halt auch sehr langsam, ist dann später aber besonders stabil.

Meine Frau und ich haben ein MiniZimmer im Labor, in dem wir schlafen, keine Wohnung. Die Studierenden sind bei den Kursen dauernd um uns herum, die Akten auch. Mir macht das Spaß so – mit kurzen Wegen und schnellen Entscheidungen. Das ist nicht für jeden etwas, und die Studierenden wollen früher oder später auch nicht so leben. An Versprechungen, alles auf einem Silberteller serviert zu bekommen, kann ich mich nicht erinnern. Wir sind ein strukturreiches Land, und mit genügend Schwung sowie Desinteresse an Geld, Macht und Wortgeklingel lässt sich meiner Meinung nach in Deutschland gut arbeiten.

DP: Wie viel kriminalbiologisches Grundwissen sollte eine Polizeibeamtin oder ein Polizeibeamter besitzen, um an einem vermeintlichen Tatort nicht womöglich wertvolles Beweismaterial zu vernichten?

Benecke: Ach, das will ich nicht ent-scheiden. Ein bisschen Neugier wäre natürlich super. Das Vernichten ist ja weniger das Problem. Mit jedem Schritt am Tatort vernichten wir ja irgendetwas. Hilfreich ist es, wenn alles gut fotografisch dokumentiert ist, siehe Tatort-Kärtchen, und man zumindest mal über das spricht, was vorhanden ist, zum Beispiel etwa Insekten, oder was da sein müsste, aber fehlt, wie womöglich Blut. Und die Geräte müssen wirklich richtig porentief sauber sein.

DP: In der US-amerikanischen CrimeSerie „Bones“ glänzt die Filmfigur Dr. Jack Hodgins bei der wissenschaftlichen Analyse von Todeszeitpunkten und -ursachen gelegentlich mit breiten Insekten-Kenntnissen. Vielleicht kennen Sie diese durchaus erfolgreiche TV-Serie? Wie macht sich Ihr Filmkollege denn so?

Benecke: Ich habe die Serie noch nie gesehen, übrigens auch keinen „Tatort“ oder ähnliches. Öfters helfe ich mal Drehbuchautorinnen und -autoren, aber in Spielfilmen und Krimis geht es am Ende des Tages nur um eine spannende Geschichte, nicht um wissenschaftliche Daten. Chemie und Biologie sind da eher Lametta.

DP: Was wollen die Autoren so von Ihnen wissen?

Benecke: Seit Jahren werde ich beispielsweise gefragt, ob Maden nach Norden kriechen, weil das in irgendeinem Krimi steht. Ja, manchmal tun sie das: Wenn es im Süden (Sonne) sehr hell ist, dann kriechen sie davon fort.

Wenn aber nur im Westen ein Fenster ist und das Licht von da kommt, kriechen sie nach Westen – und wenn es feucht ist, auch schon mal die Wand hoch. Wirklich! Wie es bei der Polizei richtig heißt: Es ist eine Einzelfall-Entscheidung.

Aber, für die meisten wäre es doch viel zu langweilig, wenn in Krimis ernsthaft über Luftfeuchte, Mikroklima, Isomegalen-Diagramme und genetische Unterschiede zwischen Fliegenarten gesprochen würde, oder?

DP: Vielleicht wäre es mit einem entsprechenden Darsteller einen Versuch wert. Würden Sie denn zur Verfügung stehen?

Benecke: Klar, habe ich aus Spaß früher schon öfter in Nachmittags-Serien gemacht. Aber Fernsehen ist sehr flitterig. Ich mag‘s lieber dauerhafter. Und Drehbuch-Texte kann ich mir auch nicht gut merken, wenn sie unlogisch sind – und das sind sie meist, unabhängig von den Darstellerinnen und Darstellern.

DP: Trotzdem noch eine Frage zu solchen Serien oder Filmen: Viele Menschen ekeln sich vor Leichen, Eingeweiden und erst recht, wenn sich auch noch Maden oder so im verwesenden Fleisch breit gemacht haben. Bereiten diese Zutaten dem Zuschauer nur den wahren Gruseleffekt oder hat eine filmische Darstellung sogar einen didaktischen Charakter?

Benecke: Das weiß ich nicht so genau. Die Larven im neuen „Blade Runner 2049“ werden ja sogar als Nahrungs-Eiweißquelle genutzt, und sie leben auch nicht auf Leichen. Ansonsten sehe ich in Filmen recht wenig Fäulnis. In der Eingangs-Szene von „Die Purpurnen Flüsse 2“ kommen viele lustige Insekten auf einer Leiche vor – ziemlich kunterbunt: was die Requisite gerade kriegen konnte. Ich tippe also eher auf Grusel-Effekte und weniger auf Didaktik.

DP: Haben Sie eigentlich ein Lieblingsinsekt?

Benecke: Im Berliner Naturkundemuseum bin ich Pate der Markusmücke oder Märzfliege Bibio marci. Sie ist schön schwarz, das gefällt mir. Und, ich habe sie zum ersten Mal auf einem uralten Friedhof gesehen, was mir ebenso gefällt. Rotbeinige Schinkenkäfer mag ich auch. Sie waren die ersten Insekten, die ich von einer Leiche – einer etwa drei Monate alten Bahnleiche – 1992 gezüchtet habe. 

Bei den Mumien von Palermo in einem alten Klosterkeller voller vertrockneter Leichen habe ich den Rotbeinigen Schinkenkäfer zwanzig Jahre später in Form uralter Bruchstücke wieder getroffen. Aber Insekten interessieren sich für menschliche Gefühle, also auch meine, eh nicht. Es ist eine ziemlich einseitige Zuneigung.

DP: Okay, und die Nummer 1?

Benecke: Ach, eigentlich mag ich ja alle Insekten, denn sie sind großartige, teils uralte Konstruktionen. Wir leben auf dem Planeten der Gliedertiere, zu denen neben Milben, Spinnen, Hundertfüßlern und Asseln auch die Insekten gehören. Das sollten wir nicht vergessen. Aber meine Haustiere, die Fauch-Schaben, die habe ich natürlich besonders lieb. Im Labor muss ich immer aufpassen, dass die Damen ihnen nicht zu viele Leckereien zustecken.

DP: Was glauben Sie, warum so viele Menschen zu Ihren Auftritten kommen? Liegt es nur an den teils absonderlichen Themen oder eher an diesem ungewöhnlichen Typen, den Interessierte mal leibhaftig erleben wollen?

Benecke: Das habe ich mich auch schon manchmal gefragt. Mittlerweile denke ich, dass die meisten Menschen anderswo nicht offen und ruhig sowie gerade und ehrlich etwas über begrabene Leichen, Fäulnis, rätselhaften Entflammungen und Morde in geschlossenen Räumen erfahren können. Es ist wohl kindliche Neugier gepaart mit Aufklärungswillen und natürlich Spaß an Rätseln – auf beiden Seiten, bei den Zuhörerinnen, den Zuhörern und mir.

DP: Man könnte Sie sicherlich als Tattoo-Lobbyisten bezeichnen, oder? Welche Frage oder Fragen sollte man für sich abgehakt haben, bevor es sozusagen hauteng wird? Und: Muss man einen Polizisten mit einer offen sichtbaren Tätowierung in dieser aufgeklärten Gesellschaft tatsächlich noch dienstrechtlich thematisieren?

Benecke: Mit Dienstrecht kenne ich mich nicht aus, aber dafür mit Menschlichkeit im Dienst. Da ein Drittel der 25bis 35-Jährigen tätowiert ist, sollten wir lieber darüber reden, welche Tattoos gehen und welche nicht. Immerhin wurde jüngst nach jahrelangen Prozessen entschieden, dass Nazi-Tattoos nicht gehen.

Dass – wie in Hessen – jedoch eine Bewerberin abgelehnt wird, weil sie ein Zitat aus dem „Kleinen Prinzen“ auf dem Arm trägt, finde ich superpeinlich. Oder auch, dass in Baden-Württemberg ein Polizeilehrer heute noch manchen Bullshit lehren darf, der bereits vor 110 Jahren in der Fachliteratur, dem heutigen „Archiv für Kriminologie“, widerlegt wurde. Darunter die angebliche kriminelle Bedeutung von Rosen als Tätowierungen und dergleichen. Nein, das ist superpeinlich.

DP: Wir haben gehört, dass Sie sich schon des Öfteren über Polizeibeamte beziehungsweise polizeilichen Maßnahmen geärgert haben. Jetzt ist die Gelegenheit‚ mal richtig Luft abzulassen ...

Benecke: Der Zug aus Amsterdam hätte nicht wegen mir angehalten werden müssen, nur weil auffallend junge Kolleginnen und Kollegen davon überzeugt waren, dass ich Drogen transportiere. Ein Suchhund hätte in Sekunden zur Wahrheit und Klärung geführt. Und meine Entkleidung vor den Augen der anderen Passagiere mit danach echt tolldreistem Abgang war nicht cool. 

Wie ich nach weiteren Festnahmen in München und in Cottbus mitten auf dem mit Pendlerinnen und Pendlern voll besetzten Bahnsteig – sogar in Handfesseln – gelernt habe: „Der Einsatzgrund ist nie zu hinterfragen.“ Wenn das so ist, dann ist es halt so. Ein Grund mehr, miteinander zu arbeiten, zu lernen und zu reden, denn sich ärgern bringt keinen weiter.

DP: Dr. Benecke, vielen Dank für das Gespräch.