Glauben Sie an die Besserung eines Menschen

Quelle: Reizverschluss - Anstaltszeitung der JVA Burg, Ausgabe 03/2016, Seiten 1 und 3 bis 10

Klick für's PDF!

Viele kennen ihn, aus dem Fernsehen und von seinen Reportagen, und sogar von seinen Anmerkungen bei Kriminalfällen in den Nachrichten. Mark Benecke, einer von Deutschlands bekanntesten Kriminalbiologen. Nunmehr versuchten wir unser Glück bei ihm und bereits nach kurzer Zeit reagierte er auf unsere Anfrage und erklärte sich zu einem Interview bereit. Ein dreiteiliges Interview, wo es interessantes zu erfahren gibt, aber auch um den einen oder anderen Einblick auf eine andere Sicht der Dinge zu gewähren.

 

Zur Person Mark Benecke

Kleine Biographie, vom Kriminalbiologen Mark Benecke:

Mark Benecke: Geboren wurde er am 26. August in Rosenheim (Deutschland). Er ist ein deutscher Kriminalbiologe, Spezialist für forensische Entomologie, und Politiker. Er ist Vorsitzender des Landesverbandes Nordrhein-Westfalen der Partei "Die PARTEI" und trat für sie bereits als Kandidat an.


Sein Leben:

Mark Benecke: Nach dem Studium der Biologie, Zoologie und Psychologie an der Universität zu Köln und der Promotion über genetische Fingerabdrücke absolvierte Benecke diverse polizeitechnische Ausbildungen innerhalb der Rechtsmedizin in den Vereinigten Staaten, darunter an der FBI Academy.

Benecke wird als öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger herangezogen, um biologische Spuren bei vermuteten Gewaltverbrechen mit Todesfolgen auszuwerten. Er ist darüber hinaus Ausbilder an deutschen Polizeischulen sowie Gastdozent in den Vereinigten Staaten, Vietnam, Kolumbien und auf den Philippinen. National Geographie Channel, History Channel und n-tv berichteten bereits ausführlich über einige seiner Fälle.

Der breiteren Öffentlichkeit ist Benecke auch durch seine Gastkommentare in den Fernsehserien Medical Detectives (VOX, RTL Nitro) und Autopsie-Mysteriöse Todesfälle (RTL II) bekannt, welche die Aufklärung realer Kriminalfälle zeigt und die hierbei eingesetzten, meist wissenschaftlichen Methoden in den Mittelpunkt stellt. Er erklärt dort allgemeinverständlich wissenschaftliche Hintergründe. Benecke veröffentlichte mehrere populärwissenschaftliche Bücher, unter anderem über Kriminalfälle, Kriminalbiologie und das Altern aus biomedizinischer Sicht.

Darüber hinaus gab er unter anderem für Ravensburger und Oetinger Kinder-Experimentierkästen und -bücher heraus. Mehrere seiner Bücher erreichten in der Spiegel-Bestsellerliste hohe Platzierungen. Seine ehemalige Frau, die Kriminalpsychologin Lydia Benecke, ist Mitautorin einiger seiner Bücher. Er ist außerdem Gastherausgeber für Forensic Science International (Forensic Entomology Special Issue) und war viele Jahre Mitglied im Wissenschaftsrat der Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften. Er veröffentlicht Artikel in der Zeitschrift 'Skeptiker' zu ausgefallenen Themen wie spontane Selbstentzündung, Blutwunder (zusammen mit dem ZDF), Vampire, magnetische Berge und anderes.

Für die ,Annals of lmprobable Research', die jährlich an der Harvard-Universität die Ig-Nobelpreise verleihen, arbeitet Benecke im wissenschaftlichen Beirat. Seit 2011 ist Benecke Vorsitzender des Vereins Pro Tattoo (Information, Schulung und Öffentlichkeitsarbeit für und von Angehörige/n der Tätowierbranche).


Bekannte Fälle:

 

  • 1997/98 hatte Benecke nach Untersuchung von Maden die Leichenliegezeit der getöteten Frau des Pastors Klaus Geyer festgestellt. Geyer hatte für den so ermittelten Tatzeitpunkt kein Alibi und wurde schließlich wegen Totschlags an seiner Frau verurteilt.
  • Im Todesfall einer pflegebedürftigen Frau in Köln ermittelte Benecke anhand von gefundenen toten Stallfliegen (Muscina stabulans), dass die Frau durch ihre Pflegerin vernachlässigt wurde.
  • In Zusammenarbeit mit dem FSB untersuchte Benecke Adolf Hitlers mutmaßliche Schädeldecke und sein echtes Gebiss.
  • Er untersuchte zudem als einziger Kriminalist den Fall des kolumbianischen Serienmörders und Vergewaltigers Luis Alfredo Garavito Cubillos.
  • Die Mumien von Palermo untersuchte Benecke ausführlich in einer Kooperation mit Archäologen und dem Kapuziner-Orden.

<i>(Quelle: Wikipedia, der freien Enzyklopädie) </i>


 

Interview mit dem Kriminalbiologen Mark Benecke

Wie kam es dazu, dass Sie sich für Entomologie und Rechtsmedizin interessierten?

Mark Benecke: In dieses Gebiet rutschte ich zufallig hinein. Im Vorfeld meiner Doktorarbeit machte ich als Biologe ein Praktikum, im Rechtsmedizinischen Institut in Köln. In der gleichen Etage (dem Keller, welcher einst das Labor war, zur Unterbringung von Affen! 😀), waren neben den Leichen auch die Biologen untergebracht und arbeiteten dort.

Als Biologe sieht man keine Leichen, man sieht Insekten. Irgendwann schaute ich mal aus Neugierde rüber, redete mit den Mitarbeitern und Polizisten dort. Ich wollte sehen, was Sie dort machen! In der großen Bibliothek des Institutes suchte ich mir mehrere Artikel raus und sah, dass man durch die Insekten auch an den Leichen arbeiten kann.

Zum Beispiel, um die Liegezeit festzustellen, oder ob Gifte in den Leichen waren, welche nunmehr auch in den Insekten zu fmden sind. Oder man schaut dadurch, wo die Leiche hingelegt wurde und solche ähnliche Sachen. Es interessierte mich und so kam ich letztendlich in diesen Bereich.


Sie haben den traditionellen Weg eines Entomologen verlassen und sich der dunklen Seite des Menschen und dessen Abgründe zugewendet. Wie hat das Ihr Bild auf ihre Mitmenschen, innerhalb und außerhalb solcher Mauern, verändert?

Mark Benecke: Im Vorfeld muss ich erstmal sagen, dass ich es hauptsächlich sehr interessant finde, welchen Spielraum Menschen haben in ihrem Verhalten. Gerade bei denen, die angeblich "böse" sind. Gerade im Knast kennt und sieht man ja auch sehr viele Variationen, dass wusste ich damals und vorher natürlich nicht.

Im Alltag sieht man es auch, doch wird einem das nicht so bewusst, oder es wird einem nicht so klar. Man hat unter diesen "guten" Menschen natürlich auch diejenigen, welche sich einreden, dass das, was Sie machen, auch wenn es Scheiße ist, völlig in Ordnung ist. Im Gefangnis kennt man dieses sehr oft bei und von Gewaltstraftätern, die halt immer irgendwas oder meistens so sagen, wie "der andere hat angefangen", oder "die anderen sind doch Schuld" und "meine Kindheit, meine Eltern".

Ich sehe dieses als Scheiße an, wenn sie so etwas sagen und verbreiten. Es stimmt auf der einen Seite, das man natürlich gewaltbereiter ist, wenn man ein unschönes Leben führt bzw. eine schlechte Kindheit erlebte. Aber deswegen muss man nicht jemanden sofort ins Antigewalttraining schicken. Erst mal muss derjenige Einsehen, dass man sich nicht sozial verhält in dem Moment, wo man anderen Leuten die Fresse poliert, sie erpresst oder bedroht.

Und genau dieses hat man auch bei den "guten" Menschen natürlich, aber diese machen das eher im wirtschaftlichen Bereich. Und dieses geschieht mit Lügen, Korruption und notfalls auch mit, sagen wir mal etwas milder, in Formen von Erpressung. Im normalen Alltag erfahrt man dies nicht, aber man sieht es auch nicht, da wir nicht genau hingucken.

Ich bin in eine sehr durchmischte Schule gegangen, wo arme, reiche, dicke, dünne, groß kleine waren. Es war eben nicht so konzentriert mit Menschen, die andere halt irgendwie beeinflussen wollten. Jedoch sehe ich dies nich unbedingt als eine "dunkle" Seite, obwohl es dunkle Charakterzüge sind. Ich find es eher traurig, dass selbst Menschen, die behaupten sie hätten Einsicht in ihr Verhalten, eigentlich nur Ausreden erzählen.

Dieses, so muss ich mal sagen, hat mich auch schon beeinflusst, geärgert und verändert. Also, ich kann schon lebensgeschichtlich oft verstehen, warum Menschen so geworden sind, wie sie geworden sind. Aber es fehlt doch schon oft an Ehrlichkeit, anderen, aber sich selbst gegenüber auch. Wenn man lügt, betrügt, raubt, wenn man stiehlt, Dinge anzündet und so weiter - dann sollte man das mal offen sagen und ansprechen, gerade wenn man sich wirklich ändern will. Und diese andere Form, sprich die Ausreden und Lügen - das geht mir schon extremst auf die Eier! Fakt!

Hat aber nichts mit Knast oder Straftätern zu tun, sondern dass auch Menschen sich im Alltag oft was vorlügen. Das Leben ist oft viel einfacher und besser, wenn man ehrlich ist. Und man kann an sich arbeiten und sich dadurch verbessern. Ansonsten habe ich auch gelernt, dass Menschen sehr stark sind - gerade bei den Angehörigen, wenn jemand getötet wurde. Denn sie möchten wissen, was passiert ist und hängen sich dann voll rein.

Dass geht nicht immer gut, aber ich hab da auch echt viel Stärke erlebt. Übrigens auch von Inhaftierten (auch wenn es selten ist) - wo vieles schief gelaufen ist in mehrfach Hinsicht. Diese Ernsthaftigkeit und Ausdauer - sehr bemerkenswert!


Gibt es etwas, um von der Arbeit einen Abstand zu gewinnen, sich abzulenken und am nächsten Tag wieder durchstarten zu lassen?

Mark Benecke: Ja also, ich mache meine Arbeit sehr gerne und sehe sie nicht als Arbeit. Vielmehr sehe ich es als Aufgabe und dadurch muss ich nicht so mega abschalten, wie wenn ich jeden Tag gegen meinen Willen Holz hacken müsste. Ansonsten mache ich ganz normale Sachen halt. Und wenn mal eine Badewanne in der Nähe ist, dann freue ich mich (auf Tour habe ich meist keine in der Nähe! 😀), genau wie das Lesen von Comics - aber auch gegen eine Runde Schlaf, habe ich nichts einzuwenden.

Das Problem habe ich nun mal nicht - sprich, dass ich meinen Kopf sortieren müsste. Mir macht das was ich mache Spaß, da ich mich in dem Umfeld bewege, in dem ich mich auch bewegen möchte. Und Aufträge, die ich annehme, möchte ich auch annehmen. Und notfalls, setze ich mich hin und trinke einen Kaffee. Wie gesagt, bei mir ist dass völlig anders, als bei anderen. Die sodann ihren Urlaub auch mal brauchen. Und konzentrieren kann ich mich sowieso ganz gut. Das ist meine Art und auch ein Charakterzug von mir, dass ich mich in Sachen hinein fresse und alles eben überprüfe und überarbeite.


In Transsilvanien waren Sie auf Vampirjagd. Kann man professionelle und wissenschaftliche Arbeit und Ergebnisse abliefern, wenn der TV-Zuschauer bereits im Vorfeld ein spektakuläres Ergebnis erwartet? 

Mark Benecke: Das ist eine sehr gute Frage! 😀) Die Vampirsachen kann man ganz gut machen. Ich habe das für das ZDF und National Geographic mal im größeren Format gemacht, die das im Vorfeld ruhig und sachlich vorbereiten. Ihr habt natürlich Recht, wenn man so was fragt. Doch mit der Erwartungshaltung oder dem angesprochenen Überraschungsergebnis habe ich nichts zu tun, das macht meistens die Produktionsfirma, durch das Schneiden des Materials. Oder das Einfügen von Szenen aus einern Vampirfilm und so weiter.

Aber, dass was ich machen darf, finde ich gut, da es mit etwas Geschichtlichen zu tun hat. Oder ich schaue mir an, was andere machen, u.a. wenn sie vor Ort Vampire ausgegraben haben, welche Leichenerscheinung diese aufweisen. Oder man fragt die Leute, was sie denn überhaupt glauben, da stellt sich heraus dass sie nicht an Vampire glauben, sondern an etwas anderes. An sogenannte Nachzehrer, die nach dem Tod noch zehren und so was.

Dieses ist sehr weit gefächert und man kommt mit wissenschaftlicher Arbeit da sehr gut weiter. Na klar, kann man keinen ellenlangen Artikel abliefern, den man im Fernsehen dann vorliest - es muss da schon mal so was wie Bilder geben, wie mit dem Format vom National Geographic - da wurde das super gemacht. Die haben da an einer Burg gedreht mit Sonnenuntergang und so was. Oder, dass ich in Transsilvanien über die Straße gehe und dass das komisch aussieht.

Außerdem habe ich, so glaube ich zumindest, einen guten Einfluss darauf - eben dass man alles in Ruhe erklärt. Dadurch kann man diesen Sensationsdrang auch ein bisschen runter schrauben. Viele glauben ja nicht daran, dass das wissenschaftlich Erklärte interessant sein kann. Aber die meisten interessieren sich gerade für solche wissenschaftlichen Bezüge und Erklärungen. Natürlich schaut man im ersten Moment auf etwas Schreiendes und Brüllendes, doch interessant wird es, wenn es ruhig wird.

Und ich bin dankbar dafür, was ich auf diesen "Forschungsreisen" erleben darf. Ich mache das ja öfters, auch bei Kriminalfällen oder wenn es um die Selbstentzündung von Menschen geht, oder eben auch Hitlers Schädel und so etwas. Ja, sagen wir mal - ich bin echt dankbar, dass mir alles anschauen zu dürfen, vor Ort, was ich mir vielleicht sonst finanziell gar nicht leisten könnte.


AIs Autor haben Sie bereits mehrere spannende Bücher veröffentlicht. Waren die Geschichten dahinter wirklich so faszinierend spannend und wissenschaftlich interessant, oder gab es einen pfiffigen Lektor der die Geschichten etwas aufarbeitete?

Mark Benecke: Dass ist auch ne gute Frage. Die hat mir noch keiner gestellt! 😀) Also, ich lehne jede Art von Lektorat und Aufbereitung ab. Zum Beispiel bei meinem neuen Buch, was im Herbst 2016 erscheint, da handhabe ich das so mit meiner Lektorin: Wenn etwas unsachlich erscheint, dann fragt sie bei mir noch mal nach.

Ich erkläre ihr, das dann noch mal. Oder sie korrigiert mich eben, sprich Rechtschreibfehler und so. Aber ansonsten kommt alles von mir. Es sei denn, ein oder eine Mitarbeiter/in arbeitet daran mit, dann wird das auch geltend gemacht. Aber ansonsten lehne ich auch das Aufbereiten ab. Denn ich kann so etwas nicht leiden, ernsthaft!

Wenn jemand meine Bücher oder die Fallberichte gefallen, freue ich mich darüber. Ich schreibe sie aber so, wie ich sie gerne lesen möchte und fertig, mehr ist das nicht. (Und jeder einzelne Satz wird auch von mir geschrieben! 😀) Ihr seht, es ist zu 100% Mark Benecke, wenn es drauf steht.


Bei ihrer Arbeit mit Opfern und Geschädigten von schweren Verbrechen - erlauben Sie sich da auch ein Blick auf die Seele des Täters?

Mark Benecke: Ja klar, wenn das sinnvoll für meine Arbeit ist. Warum nicht? Ich habe ja zum Beispiel mit Tätern zu tun, die mehrere Kinder getötet haben, oder weil sie Geld brauchten und getötet haben und dergleichen mehr, oder die ihre Nachbarn umgebracht haben, weil sie sie zu Tode genervt haben zum Beispiel - da kann das schon interessant sein, mal einen Blick auf ihre Seele zu werfen. Oder sich eben mit den Tätern oder Täterinnen mal zu unterhalten, das kann auch hilfreich sein.

Doch dies muss die Grundvoraussetzung Ehrlichkeit mitbringen, denn im Gefängnis kennt man es ja, da wird ja schon beim Tatablauf gelogen. Und da brauche ich auch kein Blick auf die Seele des Täters oder der Täterin werfen, wenn ich schon weiß, dass ich beim Tatablauf angelogen werde. Doch im Gegenzug gibt es auch Täter und Täterinnen die auch vernünftig reden.

Sie haben die Ambition, dass unter anderem ihre Taten mal wirklich ehrlich erzählt werden, sprich was wirklich passierte. Da habe ich auch viel davon gelernt, ernsthaft! Zum Beispiel ging es mal um ein Tötungsverbrechen - keiner erfuhr etwas zu den wahren Hintergründen. Auch das Gericht wusste nichts davon. Und dahinter steckte eine sehr komplizierte Liebesgeschichte.

So was zum Beispiel meine ich und ist interessant. Zudem muss man auch feststellen, ob die Menschen eine psychische Erkrankung haben, so dass sie im Falle gar nicht wussten, was sie da gemacht haben. Oder sie völlig schuldfähig sind. Doch das ist nicht meine primäre Aufgabe in meiner Arbeit. Doch ich finde es gut, wenn Täter und Täterinnen ehrlich sind und die Wahrheit sprechen, gerade wenn es um ihre Straftat geht.

(Nochmals: Nur leider sind es wenige, die so verfahren. Vielleicht weil sie gelernt haben, vor allem die die schon Knasterfahrung haben, dass es am besten ist, zu erzählen, wa die anderen hören möchten. Doch da kann ich nichts mehr machen. Ich bin nur der, der sich die Wahrheit anhört. Und ob die Welt gerecht oder ungerecht ist, und ob es Gott gibt oder nicht, da kann ich auch nichts dazu sagen. Doch zur Wahrheit kann ich etwas sagen - aber Wahrheit bedeutet, dass man auch die Wahrheit erzählt. Und vor allem auch zu sich selbst auch aufrichtig und ehrlich ist.)


Davon ausgehend, dass Sie bei ihrer Arbeit weitgehend alle Emotionen verdrängen müssen, um objektiv zu arbeiten. So möchten wir sie daher doch fragen, ob sie diese später loslassen und verarbeiten können?

Mark Benecke: Hintergrund ist, dass sie oft mit schweren und brutalen Verbrechen konfrontiert sind. Da habe ich einen großen Vorteil gegenüber anderen: Ich bin charakterlich so gestrickt, dass mich das alles nicht so anfrisst. Und dass ich die Dinge eben sehr schnell zerlege. Das habe ich schon als Kind gemacht, zum Beispiel dass ich beim Kassettenrekorder oder der Uhr mir die Teile ganz genau angeschaut habe und es wieder zusammen bauen wollte.

Das hat nicht immer geklappt, es ist auch vieles kaputt gegangen dabei, aber ich habe versucht, das alles zu begreifen, warum die Musik aufgenommen wird, warum benötigt man das Kabel und diese Teile, damit das so funktioniert. Mein Gehirn legt dass alles, auch die Arbeit, in dass zerlegende rein. Und der zweite Trick, wenn man es so sagen kann, ist, dass ich es überhaupt nicht schlimm finde, wenn Sachen mal traurig, entsetzlich oder grauenhaft sind. Weil die Welt, in der wir leben, ist nun mal so.

Das muss ich Euch, die im Gefängnis sitzen nicht erzählen. Wir leben in keinem Einhorn-Paradies mit Blümchen und rosa Watte. Sondern sie kann hart sein und ist echt hart! Neben den wirtschaftlichen Kriminellen bei Euch, können die Gewalttäter euch das bestätigen. Denn ihre Taten sind oft zurück zu führen auf die Tatsache, dass sie als Kind oft selbst geschlagen und schlecht behandelt wurden.

Das ist halt so. Uns muss bewusst werden und dann auch sein, dass wir nicht in die Vergangenheit zurück reisen können, um irgendetwas zu ändern, um die Scheiße wieder Schön zu machen. Wir können nur versuchen, in der Zukunft etwas zu verändern. Und dass ist das Gute daran - wenn man erkennt und es akzeptiert, dass Scheiße nun mal Scheiße ist, dann kann man sagen: "Gut, aber ich möchte in der Zukunft etwas anderes haben!".

Dass alles macht es aus, dass die Gefühle nicht so einen großen Raum bei mir einnehmen. Aber, dass ist eben eher ein Charakterzug, das kann man nicht lernen. Jeder Mensch ist, wie er ist!


An welchen aktuellen Projekten arbeiten Sie gerade?

Mark Benecke: Also, derzeit arbeite ich an einem Buch, was ich gerade fertig mache und was im Herbst 2016 noch raus kommen soll auf dem Markt. Aktuell kommen noch die Anfragen von meiner Lektorin, wegen Verbesserung und so. Dann steht die Planung meiner Tour noch aus, da ich ja viel unterwegs bin. Eben die Buchung von Hotels und dies und das eben.

Dann muss ich noch meinen Papierstapel von meinem Schreibtisch abarbeiten. Um die Wohnung muss ich mich kümmern (ich wohne ja im Labor - also im Wohnlabor! 😀), wie Putzen (das mache ich selbst), denn es ist jeden Tag was zu tun. Und ich versuche auch irgendwelche Menschen zu unterstützen. Gerade haben wir Metallkisten dem Roten Kreuz gegeben, da diese die brauchen. Und das muss man auch eben alles erstmal organisieren. Also, dadurch ist immer irgendetwas zu tun!


Kann der Strafvollzug in seiner jetzigen Form, dass Verhalten Krankheiten oder Störungen beeinflussen und können solche Täter mit diesen Symptomen auch wirklich resozialisiert werden? (Wir beziehen uns auch, auf eine Aussage des Anstaltsleiters der JVA Zeithain, Thomas Galli, der sein Buch "Schwere der Schuld" herausbrachte und die Abschaffung des Gefängnisses fordert!)

Mark Benecke: Ja, klar! Bei denen, die gewillt sind, wirklich etwas zu ändern, auf jeden Fall! Natürlich ist Strafe für die Seite der antisozialen Täter nicht hilfreich. Denn jene, wie sie auch in Burg bestimmt zu finden sind, lassen sich von der Haft nicht beeindrucken. Es bewirkt bei ihnen nichts und eine Abschreckung erfolgt ebenso wenig.

Diese Täter und Täterinnen dieser Fraktion sind so, da sich ihr Gehirn so verändert hat, dass sie soziale Formen nicht lernen können. Bei denen ist eine Resozialisierung nicht möglich, und wenn, jedoch sehr schwierig und aufwendig. Bei den angesprochenen Krankheiten muss man sagen, dass jene in eine Therapie gehören, wo es jedoch Defizite gibt. Gerade in Bezug auf die fehlenden Therapieplätze und dass es nicht genügend ausgebildetes Fachpersonal dort gibt.

Es liegt aber auch daran, dass Menschen die Therapie verweigern, da sie sich nicht ernsthaft und ehrlich mit ihrem Leben auseinandersetzen wollen. Das betrifft jedoch nicht nur die psychisch Kranken, sondern auch die, welche durch eine Begutachtung, als nicht psychisch krank eingestuft wurden. Ebenso muss man auch auf den Einzelfall schauen und diesen genau betrachten.

Auf eure Anfrage, ob ich den Anstaltsleiter Thomas Galli mit seinen Buch "Schwere der Schuld" kenne, muss ich sagen: nein. Denn ich habe kein Fernsehen und schaue mir keine Sachen an, die man normalerweise so sieht. Man muss jedoch sagen, dass die Gefängnisse in ihrer jetzigen Form nicht auf den Stand der Forschung sind. Es gibt einen Verzug, genau wie in der Forschung und Wissenschaft, von 30 Jahren, bis etwas Einzug erhält und auch wirklich umgesetzt und angewandt wird.

Dazu kommt auch eine etwaige Akzeptanz durch die Gesellschaft. Denn auch diese hat einen Einfluss, ob sich etwas ändert. Man kennt dieses von Verbrechen gegen kleine Kinder. Nicht nur die Rufe nach härteren Strafen werden laut, sondern auch ihr in Haft kennt die Hierarchie, die "geltend gemachten" Unterschiede. Dass einer besser ist als der andere und der andere hat ein schlimmeres Vergehen oder Verbrechen als ich begangen.

Dass ist völliger Quatsch. Man müsste dieses alles aufbrechen, um neben dem Zusammen leben in der Haft - auch bereit zu sein, an seinem Leben zu arbeiten und es zu verbessern. Doch die Veränderung wird kommen, was man auch schon sieht und merkt. Alte Gefängnisse werden geschlossen, altes wird durch neue Systeme ersetzt.

Auch gibt es bereits JVALeitungen, wo Psychologen sitzen und nicht nur immer altbekannt die Juristen. Diese Veränderung wird kommen, definitiv! Und es ist auch aus Sicht der Forschung bewiesen, dass es besser ist, wenn man anders verfährt. Doch es dauert und wird dauern, genau wie wenn man einen neuen Hafen in Hamburg oder Bremen bauen will. Es ist halt so, wirklich, auch wenn es Euch da drin derzeit nicht hilft!


Welchen Umgang würden Sie mit Straftätern, während und nach der Haft unserer Gesellschaft empfehlen?

Mark Benecke: Ganz ehrlich: Man muss offen und ehrlich damit umgehen, was passiert ist und wie es dazu kam. Damit es nicht zu Gerüchten und Märchen kommt. Gerade Entlassene neigen dazu, nicht mit der Wahrheit zu verfahren und alles zu bagatellisieren und eben auch die altbekannte Taktik: "Die anderen haben angefangen! Die anderen sind Schuld!"

Meiner Meinung nach geht es vor allem auch um den Opferausgleich. Man sollte den Versuch wagen, mit den Opfern oder Hinterbliebenen ins Gespräch zu kommen. Denn in dem Ort, der Stadt, wo man sodann lebt muss man dann sehen, ja, der Täter oder die Täterin hat es gerafft und will nun ein anderes Leben ohne Straftaten führen. Und man muss ins Reine kommen, mit sich und den anderen. Täter / Täterinnen und Opfer hätten mehr davon, wenn man in ein Gespräch kommt, auch wenn man dies jetzt in dieser Zeit noch nicht will.

Aus gesellschaftlicher Sicht, oder dass die Familie sich schützend und weigernd davor stellt, was wiederum auch nicht immer richtig ist. Bekloppt und simpel ist das Beispiel im Umgang mit den Flüchtlingen. In kleinen Orten wurden Gesprächskreise gemacht. Leute saßen nebeneinander im Kreis, ganz eng aneinander und es wurde offen über Flüchtlinge gesprochen, egal welche Meinung jeder hatte. Und so konnte der rechtsorientierte oder der linksorientierte, der Bürgermeister und auch andere offen sprechen, ohne kritisiert zu werden für seine Meinung und Einstellung.

Diese Verfahrensweise, meiner Meinung nach: Total genial! Im Gegenzug muss es aber erlaubt sein, andere zu warnen, vor Gefahren! Eben wenn jemand andere nur ausnutzt! Dass ist auch die Aufgabe von uns Menschen, eben auf andere auch aufzupassen. Man kann auch nicht abstreiten, dass es welche gibt, die rückfällig werden.

Da kann man ja schnell danach rufen, dass die Gesellschaft einen nicht akzeptierte oder es keinen Arbeitgeber gab, der einem einen guten Job gab. (Natürlich würde ich das auch begrüßen, wenn es mehr Arbeitgeber geben würde, die ehemaligen Häftlinge eine Chance geben.) Doch man muss ehrlich sein und seinem Arbeitgeber dann auch alles erzählen. Und wenn jemand ein notorischer Dieb ist, dann muss er gegebenenfalls in einem Lager beaufsichtigt werden.

Es geht mir nicht darum, gegen diese Person zu sein, sondern ihn vor einem Wiederholen zu schützen. Es gibt auch die andere Seite, wo man weiß, dass diese Person nie wieder straffällig wird, das kann auch bei einem Tötungsdelikt so sein - man muss sehen wie derjenige in eine Sache hineingeraten ist. Ich rede hier nicht von Psychopathen.

Der Tyrannenmord ist so ein Beispiel, wo der Partner infolge von Demütigung und Gewalt den anderen Partner umbringt. Dass gibt es wirklich. Doch in diesem Fall wird der- oder diejenige nie wieder so etwas begehen oder in solch eine Beziehung sich begeben. Denn es gibt jene, die sich infolge des Erlebten und dem was sie taten, wirklich ändern. Aber wiederum gibt es auch Gewalttäter, die gar nicht einsichtig sind und auch nicht gelernt haben, dass man Probleme mit Worten klären kann. Jedoch sind Ehrlichkeit und auch die Einzelfallbetrachtung entscheidend und wichtig. Eben das, was ich die ganze Zeit schon sage.


Glauben Sie infolge ihrer Arbeit, an die Besserung eines Menschen?

Mark Benecke: Ja, glaube ich absolut! Das hat auch nichts mit dem Gefängnis zu tun. Ich habe die Auffassung, dass sich jeder Mensch ändern kann. Doch man muss gewillt sein. Grundvoraussetzung ist jedoch, dass man sich in einer halbwegs vernünftigen Umgebung aufhält, da man sein Raum hat, um sich zu verändern. Denn die Gefahr der Ausgrenzung und dass man eventuell kein Geld hat, sind Gefährdungspunkte, die einen beeinträchtigen können.

Dass zweite und wichtigste ist, die Einsicht in seine Fehler. Denn nur so kann man sich wirklich auch ändern. Denn die Meinung, dass die anderen sich ändern müssen, ist falsch. Wenn man das glaubt, dann wird es auch nichts. Und es nützt auch nichts, was ich bei Entlassenen sehr oft erlebe, dass sie eine weinerliche und fordernde Einstellung an den Tag legen mit der Meinung, dass der Rest ihnen was schuldet.

Man muss sich selbst aufrappeln und etwas leisten, damit man seine gewünschte Anerkennung auch bekommt von der Gesellschaft. Und diese ist dann der erste Schritt auch zur wahren Veränderung. Das hängt wirklich miteinander zusammen. Natürlich braucht man hier auch Unterstützung, dass steht ohne jede Frage. Dass ist bei uns Menschen so. Kinder brauchen auch ihre Eltern, die das Essen besorgen und sie erziehen und auf das Leben vorbereiten.

Das kann man ruhig miteinander vergleichen. Und jemand, der ein schlechtes Leben hatte und auch einschneidende Erlebnisse, auch wie die Straffälligkeit und die daraus folgende Haft, der braucht seelische Unterstützung in verschiedenen Variationen. Doch auch hier ist für die soziale und seelische Betreuung die Ehrlichkeit sehr wichtig.


Wie sehen Sie für sich persönlich und aus fachlicher Sicht, die Resozialisierung?

Mark Benecke: Also ich würde in einer Welt die ich selbst kreieren dürfte - was aber nicht der Fall ist, da sich niemand dafür interessiert 😀) ich würde Gesprächskreise anbieten mit allen die betroffen sind, sprich Opfer und Täter müssen miteinander reden. In der Weise, mit der sie miteinander reden können natürlich! Zum Anfang bedarf es aber der Unterstützung durch Mediatoren.

Denn es wird schwer, erstmal jemanden zum Reden zu bekommen. Dann sollten nach und nach, alle anderen Beteiligten - wie z. B. Sozialarbeiter, Psychologen, die Familie und Freunde des Täters / der Täterin und auch der Opferseite mit involviert werden. Man muss dann genau Ziele und Fahrpläne erschaffen, um die Veränderung und Wiedergutmachung festzulegen. Doch es müssen alle mit an einem Strang ziehen, auch die Gesellschaft.

Es geht nicht nur um das ins Reine kommen. Es geht um eine Form der Diplomatie. Auch als Signal an andere, dass man mit Worten und Gespräche etwas klären und verändern kann. Man kann dieses vergleichen mit Ländern, welch sich nicht nahe stehen. Auch diese haben Diplomaten, welche miteinander reden, gerade auch aus wirtschaftlichen Gründen.

Und so könnte auch Resozialisierung laufen. Dass eben der ehemalige Straffällige zum Beispiel einen Job bekommt und auch die Möglichkeit eines normalen Lebens hat. Doch wenn Hass, Lüge und Falschheit dahinter stecken, dann wird daraus nichts. Doch da gilt für beide Seiten. Es geht um das klare Auge, mit dem man sich sodann gegenüber stehen kann.

Doch dies ist nur meine persönliche Sicht, aber ihr fragtet ja auch nach der fachlichen Sicht einer Resozialisierung. Doch ich bin hier kein Fachmann, da ich nur die Hinterbliebenen und Opfer, Täter und Täterinnen, Staatsanwälte, Gericht bei meiner Arbeit sehe. Ich denke aber, dass der heutige Stand der Forschung, soweit ich ihn beurteilen kann, weil ich auch oft auf Kongressen bin wo es um diese Thema geht - sehr gut ist.

Erstmal muss man jene heraus suchen, die man nicht resozialisieren kann. Das muss man ganz klar sagen. Bei denen bringt das nichts, da sie es nicht können, eben wie einer, der keine Kraft hat. Den kann man auch keine Gewichte heben lassen, da er sie nicht heben kann. Man muss bei diesen Person ehrlich zu sich sein, auch im Gefängnis und auch die Gesellschaft - es geht nicht und man wird diesen Personenkreis nicht ändern. Dann gibt es den Teil, die lebensgeschichtlich dort hinein geschritten sind, da muss man aus fachlicher Sicht therapeutisch einschreiten.

Nur da hilft die fachliche Sicht nichts, dass es dafür erstmal genügend Stellen geben muss. Und es gibt noch andere Sachen in der Welt, die in Angriff genommen werden müssen. Es müssen Straßen gebaut werden, Kindergärten, es müssen die Opfer betreut werden mit psychologischer Hilfe, es muss die Kanalisation sauber gemacht werden, es müssen Zeitungen ausgetragen werden, der Staat muss sich um Flüchtlinge kümmern.

Also, was ich damit sagen will - es geht nicht nur um Resozialisierung. Es ist nur eine Aufgabe von sehr vielen, die der Staat und die Gellschaft haben. Man müsste die Systeme mehr involvieren, die man auch schon hat und nutzt, wo man feststellt - wo und wie und bei wem, die Resozialisierung vorangeht, auch wenn die Menschen das nicht gerne hören möchten. Weder die Gesellschaft, noch ihr im Gefängnis. Auch ich möchte es nicht hören, da ich am liebsten einen anderen Zustand in unserer und durch unsere GeseIlschaft erleben und haben möchte.

Und jetzt mal aus PR-Management Sicht und nicht aus fachlicher Sicht: Es wird Zeit, dass man solche Sachen auch mal erzählt. Sprich, dass mal jemand redet und auch seine Wiederkehr in die Gesellschaft und das normale Leben sodann erzählt. Doch viele die im Gefängnis waren, erzählen nicht darüber. Das kann ich auch verstehen, weil sie Angst haben, dass es ein schlechtes Licht auf sie wirft. Und dass eben zum Beispiel die Nachbarn sich dann distanzieren.

Doch es wird Zeit, dass sich jemand mal daran traut. Und warum nicht mal erfolgreiche Resozialisierung erzählen? In welcher Form auch immer! Und dies nicht mit Zuckerguss, sondern mit all dem Dreck, der Scheiße, die dort mit dran hängt. Das würde nämlich auch mal was bringen. Ehrlich!


Was können Straftäter ihrer Meinung nach als Wiedergutmachung leisten?

Mark Benecke: Das ist etwas, was ich besser beurteilen kann, da ich sehr oft die Opferfamilien vor mir zu sitzen habe, weil diese auf Spurensuche sind. Psychologisch oder psychiatrisch kann ich es nicht sagen, doch aus einem Blick der Trauerbegleitung. Das Problem ist, wenn ihr auf offener Straße überfallen oder beraubt werdet...

Es gibt jene im Knast, für die ist ein Raub oder Überfall, gar nichts. Oder ihr kennt welche, die euch helfen oder etwas klären, wenn es Stress gibt. Dass ist für viele normal. Doch so sieht die normale Welt nicht aus. 95% der Menschen sind zutiefst von einem Raub oder einen Wohnungseinbruch geschockt. Ich kenne selbst fast nur Leute nach einem Wohnungseinbruch, welche richtig traumatisiert sind, was sich viele (von Euch da drin) gar nicht richtig vorstellen können. Weil ihr zum Beispiel ganz andere Erfahrungen mit Gewalt oder Kriminalität gemacht habt in eurem Leben.

Das ist kein Witz, für viele Opfer ist das mega schlimm! Ernsthaft. Und jetzt versetzt euch mal in die Lage von einem solchen Menschen, mit solchen Ansichten. Dann wisst ihr wie schlimm ein Raub oder sonst was ist. Oder eben auch richtige Gewaltanwendung: Im Knast seht und erIebt ihr, dass ihr mit jener etwas klärt oder löst, aber im Alltag ist das beim größten Teil der Gesellschaft nicht so. Und da ist es mit der Wiedergutmachung so eine Sache.

Also, ich würde mit den Opfern reden, was für sie eine Wiedergutmachung ist. Ganz einfach, es ist für jedes Opfer, jedes Kind, jeden Mann, jede Frau - etwas anderes. Wie wollt ihr es wieder gutmachen, wenn jemand getötet wurden ist? Da gibt es Gesellschaftsstrukturen, wo das geht. Da kann man zum Beispiel Geld bezahlen.

Es gibt genügend Gesellschaften auf der Welt, wo man für die Tötung eines Menschen einen finanziellen Ausgleich leisten kann. In Europa geht das nicht. Da kann man nicht ankommen und sagen: "Was kostet das, dass ich deinen Angehörigen umgebracht habe?" Doch auch gibt es in diesem Fall einen Weg der der Wiedergutmachung, wenn auch nicht richtig, denn man kann keinen wieder lebendig machen.

Man muss sich da etwas überlegen. Das Problem jedoch ist, dass die Täter- und Opferseite nicht miteinander sprechen. Meiner Erfahrung nach, nach 20 Jahren vor Gericht und so ist, dass gerade die Täter und Täterinnen sich diesem verweigern. Neben dem keinen Bock haben, geht es vor allem um sich dem dagegen stellen. Denn man müsste sich dem stellen, was man getan hat. Man würde sehen, was man angerichtet hat.

So sieht es aus. Von der Tätersicht hört man meistens nur: " ... im Heim war es so Scheiße (Stimmt, ist die Wahrheit, dass will auch keiner abstreiten!) / Meine Eltern waren Alkis, Gewalttäter, haben mich verlassen oder vernachlässigt (Stimmt, und ist auch die Wahrheit!) ... ". Doch das interessiert auf der Seite des Opfers gar nicht!

Wenn ihr euch mal fragen wollt, was wäre eine Wiedergutmachung, dann müsst ihr Euch klar machen, dass die Opfer nicht dafür zuständig sind, was ihr für Scheiße erlebt habt und Euch selbst zu Opfern gemacht hat - bzw. mit den Traumatisierungen die ihr besitzt (Gewalttäter traumatisieren sich sehr oft selbst, mit der Gewalt die sie amichten!) - das ist nicht die Aufgabe der Opfer, sich darum zu kümmern. Und die Wiedergutmachung gegenüber der Gesellschaft reicht auch nicht immer. Also, wenn ihr etwas lernen und erfahren wollt, dann fragt die Opfer! Da werdet ihr sehen, was sie als Wiedergutmachung ansehen.

Anmerkung: Also, wenn ihr so etwas mal machen wollt im Knast, ich würde dass echt gern moderieren und Euch dabei unterstützen! Redet doch einfach mal mit Eurer Anstaltsleitung, ob diese sich das vorstellen kann und auch erlauben würde. Es bedarf der Involvierung von allen Stellen, sprich auch den Sozialarbeitern und den Psychologen - und dann würden wir mal eine Runde machen, oder auch mehrmals - und dann könnten wir mit jemanden, von Euch da drin, hinsetzen - auch über die Rechtsanwälte oder Staatsanwälte, mal mit den Opfern sprechen, ob sie mit Euch reden würden - und wie gesagt, ich würde dies gerne moderieren und ihr werdet erstaunt sein, was ihr dort zu hören bekommt. Also dieser weiche Weg, von wegen wir sagen Entschuldigung, machen Sozialstunden oder dies und das, das finde ich auch richtig und gesetzlich notwendig, aber ich bin nun mal kein Jurist. Ich bin Kriminalbiologe - und das ist meine ehrliche Meinung zu der Frage, die ihr mir gestellt habt.

 

Mark Benecke im Kreuzverhör

Nach Feierabend mache ich

Mark Benecke: - Ich habe keinen Feierabend, da ich selbstständig bin und 365 Tage im Jahr arbeite und ansonsten mach ich das, zu was ich Lust habe. Zum Beispiel setze ich mich in meinen Sessel und lese mal gerne einen wissenschaftlichen Artikel. lese Comics oder schreibe einfach mal ein Buch! 😀)

Kleine Anmerkung von Mark Benecke: In meiner Freizeit bearbeite ich aber auch unter anderem gerne solche Fragen, wie ihr sie mir gesteIlt habt. Es interessiert mich schon sehr. Und ich finde die Fragen, die ihr mir in diesem Interview gestellt habt, wirklich gut. Kein Witz jetzt! Die sind besser, als viele Fragen von Journalisten und Journalistinnen - in deren Interviews.


In meiner Freizeit interessiere ich mich

Mark Benecke: - ja, dass kennt ihr ja nun schon, wenn ihr die alles gelesen habt! Ich trenn dass nicht, das ist mein Leben und zu dem zu was ich mich entschieden habe! - Ich lese nun mal wirklich gerne, wo mein Hauptaugenmerk auf wissenschaftlichen, biologischen, rechtsmedizinischen und kriminalistischen Berichte und Bücher liegt!


Mein Musikgeschmack ist

Mark Benecke: - also ich höre gerne Psychedelic Trance (den ganzen Tag hauptsächlich, auch während der Arbeit) und wenn ich als DJ mal auftrete, lege ich Elektro, Aggro-Tech auf (eben die elektronische Musik für Grufties!)


Tätowierungen finde ich

Mark Benecke: - ja, sind ein Eindruck von dem, was man ausdrücken möchte (und sich ausdrücken, finde ich immer gut, aber ehrlicher Ausdruck ist der beste!) und dieses nach außen hin zeigen finde ich toll, ich akzeptiere es (bin ja auch tätowiert! 😀)


Der Tag und die Helligkeit ist

Mark Benecke: - für mich meistens anstrengend, denn ich mag es lieber dunkel 😀) - also Sonne ist für mich ein bisschen ätzend, aber anders geht es nicht, und die Pflanzen würden nicht mehr wachsen.


Die Nacht und die Dunkelheit ist

Mark Benecke: - für mich, da wo ein bisschen mehr Klarheit und Ruhe herrscht und wo die ganze Aufgeregtheit weg ist, die ansonsten uns am Tage ereilt und alle rum flitzen (für mich ist diese Ruhe sehr angenehm - auch die Dämmerung schon alleine, da sich viele Dinge sortieren und man kann sich besser konzentrieren, auf das, was wirklich ist meiner Meinung nach) - ach ja, und schlafen kann man dann! 😀😀😀


Mein spektakulärster Fall

Mark Benecke: - ja, weiß ich gar nicht (siehe auch Biographie) - ich finde alle Fälle gleich spannend. Ernsthaft! Ich glaube, das ist auch wichtig, da man ansonsten nicht mehr sieht, was eine entscheidende und wichtige Spur ist. Mich interessiert nicht, was spektakulär ist, da es die Meinung von anderen Leuten ist. Da ich mich nicht für die Meinung anderer interessieren darf, da ich nicht weiß, ob dieser (mein Gegenüber) mir die Wahrheit erzählt oder nicht gucke ich lieber auf die Spuren, denn diese sind spannend und lügen nicht. Denn du findest immer etwas - egal ob Sperma, Blut, Fingerabdrücke, Haare, Sekrete - man hinterlässt immer was! (Bei mir müsst ihr Euch das, wie bei einem kleinen Jungen vorstellen, der mit seinen Murmeln spielt. Und mir geht es nicht um das Spiel, mit den Murmeln zu spielen - doch ich finde die Murmeln an sich interessant!)


Wenn ich drei Wünsche frei hätte, welche wären das

Mark Benecke: - in Eurem Zusammenhang, da es ja eine Knastzeitung ist: Ich würde mir für die Zukunft wünschen, dass Täter und Opfer regelmäßig miteinander reden in einer begleiteten Umgebung (wir sind nicht im Märchenparadies, doch ich glaube, dass dafür sehr viel Luft noch da ist, wovon man lernen kann und dies aufbeiden Seiten!).

Dann wünsche ich mir, dass Staatsanwälte und Staatsanwältinnen, sowie Verteidiger und Verteidigerinnen fairer werden (denn ich habe sehr viel Unfairness gesehen und erlebt bei meiner Arbeit, wegen angeblich höherer Werte - wo man aber einen ehrlichen Ausgleich für beide Parteien außer Acht lässt) Und als letztes wünsche ich mir, dass man viel stärker gegen Missbrauch und Gewalt vorgehen würde in der Zeit, wo Menschen heran reifen - z. B. auch, wenn schon Worte fallen! (Ihr im Knast belächelt dies, doch warum nicht mal sagen, dass die Worte, welche man verwendet, nicht korrekt in diesem Zusammenhang / der Situation sind.

Ich habe die Auffassung, dass es für Kinder und Jugendliche gerade besser wäre, wenn man sie darauf hinweist, objektiv, auch um andere nicht zu denunzieren, und das darf keine Rolle spielen, wie jemand aussieht / wo er herkommt / und so weiter. Denn unser Gegenüber muss so genommen werden, wie er ist. Es geht um eine Wertschätzung. Und die kleine Gewalt, wie Schubsen / Mobben / Beleidigen, das ist nicht harmlos. Schaut Euch die Produkte an, denn bei vielen von Euch Inhaftierten ist es eine Ursache, warum ihr so seid wie ihr seid und Wut, Zorn, Trauer und anderes in euch tragt. Und dadurch kann es schneller zu Straftaten kommen.


Mein Lieblingsspruch / mein Lieblingszitat

Mark Benecke: - (ich wähle mal was Spurenkundliches! 😀)

"Man soll Menschen nichts glauben, sondern die Spuren prüfen! Man hätte dann eine bessere Gesprächsgrundlage. Besser, als wenn man immer sofort alles glaubt, was man gerne hören möchte und was der andere gerne hören möchte!"

Zum Abschluss: Ich finde gut, was ihr da macht und ihr etwas für andere macht, nicht für Euch selber. Bei einer Zeitung ist das schon so. Auch ich habe viele Jahre, an einer Schülerzeitung mitgewirkt und so sprecht ihr wenigsten schon miteinander, hört und reagiert auf Kritik, hört mal andere Stimmen (außer die im Kopf 😀) - deshalb, es ist eine gute Sache. Und wie ich es schon sagte ehrlich und nicht schleimhaft - Euer Interview und die gestellten Fragen von Euch fand ich sehr gut. Macht weiter so!

(Die Redaktion bedankt sich für das ausführliche Interview bei Herrn Benecke und hofft, dass der Wunsch von Herrn Benecke, durch die Anstaltsleitung, entsprochen und es in absehbarer Zeit zu einer Moderation in einer großen Runde kommen wird!)
 


Mit großem Dank an die Redaktion für die Erlaubnis zur Veröffentlichung.