Die schwarzen Menschen am Darien Gap (Tätowiermagazin)

Quelle: Tätowiermagazin 10/2012, Seiten 80 bis 83
Der Stamm der Embera in Mittelamerika pflegt eine ganz besondere Art der Körperdekoration

Text: Mark Benecke

Der Darién Gap ist eine sumpfige, unwirtliche und kaum erschlossene Gegend zwischen Panama und Kolumbien. Wer sich von Tropenkrankheiten, brütender, schwüler Hitze, Drogenkurieren und Mückenschwärmen nicht abschrecken lässt, trifft hier auf die Embera, einheimische Indios, die eine skurrile Art von Körperdekoration ausüben, die ihre Haut teilweise komplett schwarz erscheinen lässt.

Manche Gegenden der Welt sollten TourstInnen lieber nicht erkunden. Nicht deswegen, weil man sich nicht dorthin durchschlagen könnte (Travelingmic beweist, dass da einiges geht) oder dass dort Krankheiten lauern, die saumäßig unangenehm sind – etwa Gelbfieber, Malaria und richtig herber Durchfall. Nein, manchmal folgt die organisierte Kriminalität einfach nicht den in Zentraleuropa bekannten Regeln, und man trifft stattdessen auf die Graswurzeln des Wahnsinns. Und die sind so undurchschaubar, dass man sich besser fernhält.

Eine dieser Gegenden sind die Gewässer des Darién Gap. Man erreicht sie – wenn man verrückt genug ist – über das Kaff Yaviza in Panama und von dort im Bötchen zunächst den Rio Chucunaque und dann den Rio Tupisa hinunter.

 Dass man angekommen ist, merkt man unter anderem daran, dass die lange Straße, die durch ganz Nord- und Südamerika führt, hier auf etwa hundert Kilometer einfach fehlt. Weil genau das so schön unübersichtlich für Gesetzeshüter und andere Störenfriede ist, werden im Darién Gap mehr Drogen geschmuggelt als in einem Monat in Berlin, München und Hamburg verbraucht werden – also wirklich eine gewaltige Menge.

Vor allem Kolumbianer schleusen ihr Koks durch die wässrige Lücke im Nichts nach Panama – beziehungsweise sie versuchen es. denn ohne die Hilfe der im Darién Gap lebenden Einheimischen, die Embera, geht überhaupt nix: 

Die Orientierung ist dort für Uneingeweihte etwa so gut wie in den Totensümpfen nahe des Schattengebirges, und die Tierwelt entspricht der in den Mückenwassermooren zwischen Bree und der Wetterspitze.

Apropos Wetter: Das lässt sich am besten als dicht versiegelte Waschküche beschreiben, in der ein paar Flammenwerfer stehen. Nicht gerade kuschelig. 

Abgesehen von Drogenkurieren versuchen hin und wieder auch Menschen aus Haiti nach Yaviza zu gelangen, um ihrem Land zu entkommen. Doch auch für sie gilt: Ohne die Embera läuft nichts.

Stört der illegale Rummel die Einwohner? Nein. Sie nutzen ihre praktische Lage entspannt als Dienstleistungsmöglichkeit aus. Dabei sind ihnen Elend und Drogen der Durchreisenden recht wurscht – sie arbeiten stattdessen als Scouts. Wenn man sie höflich bittet. Natürlich gegen Bezahlung.

Für TM-LeserInnen sind die Embera vor allem interessant, weil sie als Träger großflächiger Tätowierungen gelten. Tatsächlich sind die blauen Zeichen und Flächen auf deren Haut aber Färbungen vom Saft der Jagua-Frucht des Jenipapo-Baums (Genipa americana, auch: »Genipap« oder »Huito«). Die einfache Rezeptur und auch die Bemalungen selbst sind seit Ewigkeiten in Zentralamerika bekannt, allerdings eher als Hautschmuck für Feierlichkeiten.

Wird noch nachgestochen. 

Wie funktioniert’s? Die Fruchtpaste wird nach Oxidation an der Luft und damit Abdunklung des im Fruchtfleisch enthaltenen Genipins mit den Händen oder Bambusstöckchen aufgebracht. Da Genipin mit Aminosäuren eine Verbindung eingeht, hält die Farbe sehr gut auf Haut – ohne eintätowiert zu werden. Dafür verschwindet die Färbung nach spätestens zwei Wochen aber auch wieder – sozusagen ein Biotattoo.

Teils wird dabei eher flächig gefärbt, manchmal werden auch Muster gemalt, beispielsweise als Kenntlichmachung einer Jungfrau, auf dass sie rasch unter die Fittiche eines Gatten komme. Außerdem – und das habe ich aus Europa auch schon über Tätowierungen gehört – soll die Farbe Mücken abwehren. Ob das stimmt oder nicht, weiß kein Mensch, aber nirgendwo braucht man einen Mückenstichschutz mehr als im Darién Gap.

Wer es einmal selbst ausprobieren will: Einfach das Halbfeste aus der riesenfeigenähnlichen Frucht kratzen, Samen und die Schalen beiseite tun, verrühren und auf die Haut auftragen. Wesentlich besser geht es, wenn man etwas Stärke (beispielsweise geriebene dicke Bohnen oder andere stärkehaltige Pflanzen) dazugibt und das Ganze ordentlich erhitzt. Nach dem Auftragen der Paste auf die Haut eine gute Stunde trocknen lassen, dann abwaschen und weiter warten. Je nach Zubereitung der Paste entwickelt sich die Färbung recht schnell, manchmal aber auch erst nach vielen Stunden vollständig in einem extrem schönen Blauschwarz. Wer sich nicht bemalen möchte, kann die Früchte essen oder zu Marmelade einkochen.