DGRM: V. Curso Inernational de Entomologia Forense

Quelle: Mitteilungen der DGRM (Deutsche Gesellschaft für Rechtsmedizin), in: Rechtsmedizin 24:70, Ausgabe 01/2014

Arequipa, Perú, 5.–7.12. 2013

VON M. BENECKE

[Hier gibt's den Bericht im Original-Layout]


Das großangelegte Training (diesmal allerdings ohne Feldversuche), fand im Zentrum des südlichen Peru, der Stadt Arequipa auf 2.700 Metern Höhe unterhalb eines aktiven Vulkans, statt. Finanziell und strukturell möglich wurde der Kongress — wie schon beim ersten Kurs im Jahr 1996 in Bogotá — durch eine Neuordnung des Strafrechtes und der damit einhergehenden Hoffnung, auch forensisch einen Sprung nach vorne machen zu können.

Da KollegInnen aus den USA aus politisch- historischen Gründen in Lateinamerika nicht gern gesehen werden (und angesichts der Unpünktlichkeit vor Ort wohl auch schnell die Nerven verlören), beschränkte man sich auf TeilnehmerInnen des mittleren und südlichen Amerika sowie den Berichterstatter.

Marta Wolff (Medellín) stellte dar, wie sich Höhenunterschiede auf die Besiedlung von Leichen auswirken. So findet sich beispielsweise die leichenbesiedelnde Schmeißfliege Lucilia peruviana erst ab 1.900 Metern Höhe (L. purpurea sogar erst ab 2.400 Meter), während andere Arten wie etwa L. nigribasis auch in schreiend heißen Tiefebenen vorkommt. Da Entführungen, Morde und Sexualdelikte in Mittel- und Südamerika nach wie vor häufig sind, bieten solche ökologischen Spezialisierungen der Tiere — abgesehen von der bekannten Leichenliegezeitbestimmung — ein Merkmal, um beispielsweise Leichenverbringungen anhand der Höhen- und damit auch oft Ortsspezifität entomologisch zu bearbeiten.

Einer der biologischen Organisatoren des letzten Trainings in Florencia, Yardani Ramos, stellte neben Wachstumskursen und umfangreichen Daten zur Leichenfauna eine ausgereifte entomologisch-fäulnisorientierte Checkliste vor, die er bei der staatsanwaltlichen Polizei Kolumbiens einzuführen versucht. Diese Einheit hat seit der 2004 durchgeführten Strafrechtsänderung in Kolumbien den ersten Zugriff auf die Leichen. Da es aber erhebliche Abstimmungsprobleme mit den rechtsmedizinischen SpurenkundlerInnen sowie der Kriminalpolizei gibt, wurde eine schriftliche Chain of Custody aufgebaut, die darauf beruht, dass der/die letzte auf der Liste eingetragene Bearbeiter/in für die Spur haftet.

Dass Zuständigkeitsprobleme gar nicht erst auftreten müssen, zeigte der polizeiliche Kollege Aaron Elias Jara Penailillo aus Chile, dem es gelungen ist, eine schutzpolizeiliche Gruppe nebst Labor in Santiago de Chile aufzubauen, die schon im ersten Angriff den Tatort auf Insektenspuren untersucht. Die Einbettung insekteninteressierter Beamter bei der Schutzpolizei ist eine interessante Lösung, da in einem Durchgang neben den Tieren auch die klimatischen Bedingungen und die Umgebung (Mikroklima, Sonnenstand, Originalzustand der Leiche, Wüsten, Berge usw.) — auch fotografisch — früh und im Originalzustand dokumentiert werden.

Persönliches Anliegen des Berichterstatters war es, die von ihm in einer Flasche Rum aus Medellin an einem faulenden Schwein im Urwald erbeutetete, bis dahin noch unbekannte, von Hans-Georg Rudzinski angesichts der Todesart Pseudolycoriella fortunata genannte, mohnkorngroße Fliegenart in eine Sammlung ihrer Heimat zurück zu bringen. Da man die Denk- und Arbeitsweise westlicher Kulturen vor Ort oft als imperialistisch wahrnimmt, wurde diese Geste mit spürbarem Wohlwollen quittiert. Der Haplotyp von P. fortunata wird nun in der sehr gut sortierten und klimatisierten Sammlung der Universidad de Antioquia in Kolumbien aufbewahrt.

Mit Insekten-Bestimmungsübungen und einer Tatort-Nachstellung, die von Kollegen der polizeilichen Spurensicherung aus Peru und Chile aufgebaut wurde, endete das Training. Der Kongress, für den das universitäre Kulturzentrum mit dicken Mauern im kolonialspanischen Stil mitten in der Stadt genutzt wurde, zeugte erneut vom laufenden Bemühen um kulturelle und wissenschaftliche Autonomie in einem von Strukturnachteilen gebeutelten Teil der Welt, den westliche Kulturen allzu leicht vernachlässigen, obwohl wir dort spannende und quer gedachte Anregungen erleben können.

Hervorzuheben ist auch der Einsatz der Studierenden. So legten beispielsweise diejenigen aus Florencia (Universidad de Amazonia) eine dreieinhalbtägige (sic!) Reise mit Bussen zurück, um an Kongress und Kurs teilnehmen zu können. Vor Ort verkauften sie persönliche Gegenstände, um die Rückfahrt zu finanzieren.

Mark Benecke, Köln