Charmante Bestien

2002 12 Sueddeutsche Zeitung: Charmante Bestien
Quelle: Süddeutsche Zeitung Nr. 279, Wissenschaft:S.V2/11

Die Analyse neu entdeckter Briefe zeigt erstaunliche Parallelen zwischen pädophilen Serienmördem
Von: Mark Benecke

charmante Bestien

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"Jetzt muss er büßen", titelte Bild kürzlich, als der Prozess gegen einen mutmaßlichen Kindennörder begann. Doch der Wunsch nach Buße, der dem Publikum Genugtuung verschaffen soll, ist vermutlich Illusion: Sadistische Pädophile fühlen nicht, was wir ihnen wünschen würden. Außer Selbstmitleid verspüren sie keine Regung. Das zeigt auch die Analyse zweier Extremfälle, die der Autor kürzlich auf der Tagung der International Academy of Forensic Sciences in Montpellier vorgestellt hat (1). Es geht um den Serientäter Jürgen Bartsch aus dem Ruhrgebiet und sein kolumbianisches Pendant, Luis Alfredo Garavito. Im Verhalten und in den Gedanken beider Täter finden sich der neuen Studie zufolge auffällige Parallelen. Somit lag der Volksmund nicht falsch, der ihnen sogar denselben Namen gab: La Bestia - die Bestie.

Als Jügen Bartsch 1976 im Alter von 29 Jahren starb, atmete ganz Deutschland auf. Schließlich hatte er zuvor detailliert gestanden, dass er etliche Jungen missbraucht und vier auf grausame Art getötet hatte. Gutachter hatten richtig erkannt, dass er seine Jagd auf Kinder unter unwiderstehlichem Drang ausgeführt hatte. Und doch widersprach all dies Wissen um Bartsch dem äußeren Schein: Der Metzger, der Mitleid mit Schweinen und Kälbern hatte und nur von seinen Adoptiveltern zu diesem Beruf genötigt wurde, beherrschte seine Umgebung durch beharrliche Freundlichkeit. In der Psychiatrie freundete er sich sogar mit vielen Patienten an, deren gewählter Sprecher er wurde. Mehr als hundert Briefe und Grußkarten schrieb der jugendliche Sadist an Gutachter und Ermittler. Es gelang ihm sogar, aus der geschlossenen Abteilung heraus eine Brieffreundin zu heiraten.

Weshalb seine Manipulationen Erfolg hatten, zeigen die Gerichtsakten und neu entdeckte Briefe: Bartsch ließ stets die richtigen Saiten seiner Ansprechpartner schwingen und zupfte sie dann - bewusst oder unbewusst - immer stärker. Vor Gericht beklagte er, ihm sei Unrecht widerfahren, der Polizei erzählte er von Straftaten anderer, die gegen ihn gerichtet waren, und den Psychiatern zeichnete er das Bild eines ohne Liebe aufgewachsenen Adoptivkindes. Menschen, die ihn besuchten und ihm Briefe schrieben, erklärte er diamanthart, sie seien verpflichtet, ihm zu helfen. Schließlich aber war es ausgerechnet seine Überzeugungskraft, die Bartsch zum Verhängnis wurde. Bei der Kastration, die man ihm nach jahrelangem Hin und Her bewilligte, starb er. Der Chirurg hatte die Flaschen mit dem Betäubungsgas falsch angeschlossen.

Bartschs Leben passt hervorragend in ein Psychiatrie-Lehrbuch: Er litt unter Paraphilien - sexuellen Abweichungen, zu denen auch Exhibitionismus, Zoophilie oder Sadismus gehören. Die Ursachen dieser unheilbaren Wesensveränderungen liegen im Dunkel. Manchmal scheint es körperliche Auslöser zu geben, wie bei einem Mann, dessen Fall kürzlich auf der Tagung der American Neurological Association vorgestellt wurde: Er wurde pädophil, als in seinem Gehirn ein hühnereigrosser Tumor wuchs. Mit dem Entfernen der Geschwulst verschwand auch der unkontrollierbare sexuelle Drang wieder. Manchmal können aber auch soziale Faktoren den kaum steuerbaren Zwang zu antisozialen Taten erklären - wenn auch eine verkorkste Kindheit allein zweifellos noch keinen Schwerverbrecher macht.

"Verzeih mir bitte!"

Paraphile Menschen wissen, dass sie etwas tun, was für den Rest der Welt bestürzend ist. Dennoch können sie - auch mangels tief empfundener Einsicht - nicht anders, als immer wieder grundlegende Grenzen zu überschreiten. Vennutlich ist noch kein Paraphiler je geheilt worden. Auch bei Bartsch kapitulierten mehrere Psychiater: Sie lehnten die weitere Behandlung des Mannes ab, der sich selbst mitunter mitleidig als "Tier" bezeichnete.

Wie häufig Paraphilien auftreten, ist unbekannt - auch, weil die meisten Tests versagen. So versuchten Arzte früher, die sexuellen Vorlieben eines Täters anhand seiner Erektionsstärke herauszufinden, während sie ihm Bilder von Tieren, nackten Kindern oder sexueller Gewalt zeigten. Doch die Versuche erwiesen sich als sinnlos: Die berechnenden Probanden können mit einiger übung sogar ihre Erektionen ihrem Willen unterwerfen.

Auch im Fall Bartsch blieben bis zuletzt zahlreiche Fragen offen. Als das erste Gerichlsurteil gegen ihn Im Jahr 1969 mit der Begründung aufgehoben wurde, dass keine angemessene sexualwissenschaftliche Bewertung seiner Taten erfolgt sei, freute sich der mehrfache Mörder: "Jetzt ist es möglich, so viele Wissenschaftler und Kapazitäten einzuführen, damit sie mir einen Spiegel vorhalten können und ich mich endlich einmal selbst erkenne und weiß, was mit mir los ist." Doch trotz Heerscharen von Fachleuten wurde seine Hoffnung enttäuscht.

Die Briefe, die Bartsch aus der geschlossenen Anstalt heraus schrieb und die nun entdeckt wurden, ermöglichten einen neuen Anlauf für eine Analyse. Dabei sollte dem Autor die kriminalistische Regel helfen, jemanden zu fragen, der etwas vom untersuchten Verbrechen versteht: Im Juli 2002 kam es daher zu einem Besuch bei Luis Alfredo Garavito, der in Kolumbien zwischen 1992 und 1999 über 200 Jungen zu Tode gefoltert hatte. Nun sitzt der Mittvierziger im Gefängnis von Villavicencio.

Garavito ist eine Art Wiedergeburt Bartschs. Bis ins Detail ähnelt sich die Weise, mit der die Mörder ihre Taten begangen haben. Beide lockten Kinder, die sie anziehend fanden, mit Versprechungen von belebten Plätzen fort. Beide mochten ihre Opfer und zeigten sich zu Reue vollkommen unfähig. Versuchten sie es, so wirken die Sätze widerspruchlich und verdreht: "Verzeih mir bitte", kratzte Bartsch als Brief an sein letztes Opfer in seine Zellenwand, "wenn ich es wage, Dich um Verzeihung zu bitten!"

Auch Garavito redet süsslich mit seinen Mitmenschen. Und so gelingt es ihm ebenfalls, das Wachpersonal (mit dem er sich blendend versteht) zu manipulieren. Gleich Bartsch ist er überzeugt, dass er eines Tages das Gefängnis verlassen wird. Was der eine durch soziale Kontakte, Heirat und Kastration versuchte, ertrickst der andere durch volle Geständigkeit. Denn wenn all seine Taten aufgeklärt sind, muss ihn die kolumbianische Justiz nach spätestens 40 Jahren ziehen lassen.

So könnte Wirklichkeit werden, was den Zuschauern im Film "Das Schweigen der Lämmer" wohliges Schauern bereitete: Ein intelligenter Serientäter taucht für immer ab. Höchstens juristisch wäre eine Lösung möglich, eine Therapie gibt es nicht. Selbst der kanadische Psychiater Pierre Gagne, der seit Jahrzehnten mit Paraphilen arbeitet, zuckte auf dem Kongress in Montpellier mit den Schultern. "Vielleicht", sagte er mit vollendeter Ruhe, "müssen wir einfach hinnehmen, dass es das Böse wirklich gibt."

(1)Archiv für Kriminologie, Bd. 210, S. 83, 2002
Mit großem Dank an die Redaktion für die Erlaubnis zur Veröffentlichung.