23 Fragen an Mark Benecke

2016 03: U Comix 23 Fragen an Mark Benecke
Quelle: U-Comix, Heft Nr. 193, Seiten 39 bis 41

Von Stefanie Begerow, Andreas Hutchins, Christian Scharfenberg, Steff Murschetz und Thorsten Wieser
Klick für's PDF!

Er gilt als der weltweit bekannteste Kriminalbiologe, der als Dr. Made anhand von Verfallserscheinungen und Insektenbefall Verstorbener maßgeblich zur Aufklärung von Gewaltverbrechen beiträgt. Daneben entlarvt er als Skeptiker mit wissenschaftlichen Methoden den hahnebüchenen Unsinn von Esoterikern und Verschwörungstheoretikern. Der Gelegenheitsschauspieler und -musiker engagiert sich darüberhinaus politisch in der „PARTEI“ und tritt so dem Volksvertreterwahnsinn mit scharfer Satire entgegen. Außerdem ist er Donaldist und großer Comic-Liebhaber, der „U-Comix“ im Abo bezieht, wie sich jüngst zufällig herausstellte. Viele gute Gründe für ein Interview...

1. An Dich als Wissenschaftler: Was war zuerst da, das Huhn oder das Ei?

Tadaaa: BEIDES! Das Zwischenstadium war Laich ohne Schale. Daraus ist im Laufe der Jahrhunderttausende das schicke Ei der Hühner entstanden. Es ist wie mit Auge und Gehirn: Würfelquallen haben beispielsweise gute Augen, aber kein Gehirn — obwohl Augen oft Auswüchse des Gehirns sind.

Die Entstehung des Lebens ist halt geil verwobener Shit — Vulkanausbruch hier, Eiszeit dort, sexuelle Auswahl allerorten... und die Fortentwicklung des Möglichen und gut an die Umwelt Angepassten.

2. Wie schaffst Du es, gleichzeitig seriös und durchgeknallt zu wirken?
Schleimer! ;)
Ich kenne viele schräge Menschen, die ernst genommen werden — einfach, weil sie sozial und ehrlich handeln. Das kennen wir ja noch aus Uralt-Zivi-Zeiten („Lange Haare, aber so freundlich und hilfsbereit!“) oder von Pflegestationen, wo reichlich Gruftis rumlaufen, bis eben hin zu meinem Job, wo ich offen und ehrlich und ohne Geld- oder Machtwünsche einfach sage, wie es ist.

Das hilft in Fällen, wo Du gerade Dein verfaultes Kind aus dem Teich gezogen hast, mehr, als Rumgelaber und Bundfalten — Tattoos oder Glatze interessieren in solchen Momenten nicht mehr. Vor Gericht ist es manchmal was anderes. In sehr konservativen Umgebungen sind Aussehen und Verhalten (auch 2016 immer noch: die Krawatte und die geputzen Schuhe!) Glaubensfrage. Neuerdings bin ich aber sogar Prüfer bei der Industrie- und Handelskammer (= extrem konservativ) für DNA-Sachverständige und staunte: Alle Prüflinge kamen letzten Monat in normalen Klamotten und redeten völlig grade.

3. Du bist bekennender Donaldist. Was hast Du durch die Beschäftigung mit dem Donaldismus über Dich selbst gelernt?
Alle lauteren DonaldistInnen haben ’nen Schuss und als Kinder Entenhausener Eigenschaften in sich entdeckt: Es gibt viele auffallend — eigentlich unangenehm — geizige DonaldistInnen, viele mit schweren und schwersten Brüchen in ihrem Leben (das heißt bei uns „donaldisches Scheitern“) und es wird auch oft Limo aus Flaschen mit Strohhalm (Blubberlutsch) getrunken. Vermutlich kam Entenhausen als eine Art Erlösung und Verheißung, dass es anderswo auch bekloppt ist, zu uns — das dürfte die Kernlehre sein.

4. Kann der Donaldismus die Welt verändern?
Klar, es müssen aber noch einige Details erforscht werden: Wir sind erst bei Heft 148 der Forschungsreihe „Der Donaldist“ nebst einiger Sonderbände zu den Brücken Entenhausens, dem „Thierleben“, der Elektrizität, Radioaktivität, den Schuhen, den möglichen Zähnen der Enten, der sozialen Schichtung und so weiter.

Sobald das alles genügend verstanden ist, wird die Welt nach dem Vorbild Entenhausens umgestaltet — den Stadtplan hat unser Kartenmacher kurz vor seinem Tod im letzten Jahr noch einmal final überarbeiten können.

5. Was hat Entenhausen, was Gotham City nicht hat?
Enten, Kynoide, Raketenflüge, bei denen Gänsebraten durch Reibungswärme gebraten wird sowie das Phänomen, dass sich zerrissene Karten antientropisch auf einem Fließgewässer wieder zusammensetzen.


6. Zu Deiner Arbeit für die GWUP (Gesellschaft zur wissenschaftlichen Untersuchung von Parawissenschaften): Warst Du schon immer ein Skeptiker oder bist Du von irgendeinem Glauben „abgefallen“?

Naja, mein Zivildienst im Kloster war vielleicht nicht die beste Idee des Priesters, bei dem ich zuvor ganz gerne Messdiener gewesen war. Danach bin ich sofort aus „der“ Kirche ausgetreten.

Ansonsten bin ich eher aspergerisch, das heißt, für mich sind Religionen dasselbe wie Märchen: Interessante Lehrstücke aus der Vergangenheit.

Ich selbst bin Dudeist, nach „The Big Lebowski“ — der Film ist mein Gottesdienst: The dude abides.

7. Welches Experiment würdest Du gern mal machen, hast aber Angst vor den Konsequenzen?
Angst habe ich davor nicht, aber ich würde gerne die Zeit anhalten können und in dieser Ruhe herumlatschen. Dann könnte ich ruhig mal Spuren sichern, ohne das sonst herrschende Rumgewimmel und soziale Heckmeck.

8. Du engagierst Dich für den Tierschutz und den Vegetarismus. Kennst Du den Mythos um den rasierten Orang Utan, der einen Sitz im britischen Parlament inne gehabt haben soll?
Haha, nee, kenn ich nicht, nur die Sache mit den rasierten Affen als SexarbeiterInnen.

9. Wie kann ein ideales Miteinander zwischen Menschen und Tieren aussehen?
Tiere einfach in Ruhe lassen. Man kann sie im Freien anschauen — Fliegen, Grillen, Käfer, Asseln, Motten, Fledermäuse, ist doch alles dauernd da. Rehe gibt’s auch wieder viele, Wölfe auch. Katzen und Vögel kann man ja gegebenenfalls mal Füttern, die melden sich schon, wen sie was wollen. Wir brauchen Tiere nicht mehr als Nahrung — das Zusammenleben der Arten kann doch ganz freiwillig und entspannt ablaufen.

10. Welches Insekt hat Deiner Meinung nach das größte Superheldenpotenzial?
Eigentlich alle. Entweder können sie als Larve eine Puppe bilden, sich darin selbst vollständig auflösen (!), sich dann komplett umbauen, und ein völlig anderes Tier mit derselben DNA kommt raus. Oder sie können unter der Decke landen. Oder sie sehen Muster auf Blumen, die Menschen nicht sehen können (Infrarot). Die Welt des Lebens ist traumhaft fantastisch...Marvel bitte hinten anstellen!

11. Comics sind ja mittlerweile das neue große Thema in den Literaturwissenschaften und werden nach allen Regeln der Kunst äh Wissenschaft analysiert, was hältst Du davon?
Lese ich mir nicht durch, ist mir egal. Ich mag Fachbücher wie die über Entenhausen („Nur keine Sentimentalitäten“, „Das Erika-Fuchs-Buch“, „Entenhausen, Deine Brücken“, „Die ganze Wahrheit“) oder von früher das „Comics-Handbuch“ (Reitberger/Fuchs). In der Winsor-McCay-Ausstellung im Ruhrpott war ich gerne, und im Erika-Fuchs-Haus in Schwarzenbach tauche ich sogar als Sprecher auf dem Bildschirm auf. Ich lese aber weder die gesammelten Briefe der Fans an Carl Barks noch kulturwissenschaftlichen Klimbim. Die U-Comix machen es schon immer richtig: Einfach Comix und basta. Wie eine Figur von Reiser richtig sagt: „Sex ist wie Filme (und ich ergänze: Comics): Meistens gefallen sie mir, aber die Diskussion danach ist langweilig.“

12. Verfolgt Dich die Stimme des „Medical Detectives“-Sprechers auch in Deinen Träumen?
I kid you not: Ich habe die Sendung noch nie gesehen. Übrigens auch noch nie einen „Tatort“. Fernseh-Formate sind mir alle zu langsam, das ist fuer mich wie ’ne innere Lähmung. Ich mach gerne bei den Aufzeichnungen mit, aber ich schau’ sie mir nie an. Allerdings hatte ich auch noch nie ’nen Fernseher.

13. Wie beurteilst Du die Darstellung von Sex und Gewalt in visuellen Medien? Ist das eine Verrohung oder ein befreiender Akt, oder etwas ganz anderes?
Hängt vom Umfeld ab. Bei den Matrix-Filmen und seit einiger Zeit auch in der Batman-Ecke finde ich es beispielsweise bekloppt, dass die „Guten“ jeden umnieten dürfen, der im Weg steht, selbst das Personal an der Pforte. Total beknackt. Bei Megahex (Megg, Mogg &Eule), wo die Eule laufend schwer gedisst wird, finde ich die psychische Gewalt unterhaltsam, erstens, weil sie albern und anarchisch ist, und zweitens, weil die Eule sich selbst aus der kaputten Umgebung befreit. Sex-Darstellungen halte ich für eher befreiend, weil Kids und Jugendliche sich da mal spielerisch umsehen können, worauf sie stehen.

14. Wie würdest Du einem Außerirdischen erklären, was das alles soll: Musik, Bücher, Filme, Comics? Hat die Kultur einen evolutionären Sinn?
Sie zeigt soziale Bruchstellen auf und zeigt uns, dass alles schon da war. Da Vinci war schwul, in Rom gab es Flatrate-Bordelle, Sokrates starb, weil er sein Gewissen über soziale Regeln stellte und daraufhin zum Tod verurteilt wurde. Zum Glück ist das aufgemalt, aufgeschrieben und überliefert, sonst würden wir unsere Zeit vielleicht für besonders wild und schräg halten und noch mehr drastische Scheiße bauen.

15. Wenn man Menschen mit vollen Bücherschränken das erste mal besucht, wird oft die Frage gestellt „Hast Du die alle gelesen?“. Was antwortest Du darauf?
„Ja, bis auf die Lexika.“


16. Bei Dir steht Segars „Popeye“ neben Will Eisner, große recht unterschiedliche Klassiker der neunten Kunst. Comics sind nicht immer Kunst, aber sie können es sein, richtig?
Für mich sind Comics gleichwertig mit dem Stein von Rosetta oder dem neuen Südfenster im Kölner Dom von Gerhard Richter, die beide angeblich unbezahlbar wertvoll sind. Dazu treffend aus dem Ausstellungskatalog „Yeah, but is it Art?“ von Robert Crumb zu seiner Ausstellung im Museum Ludwig in Köln (ich bin in Köln von uralter und neuer Kunst in der ganzen Stadt umgeben aufgewachsen): „Comics haben schon immer das Unheimliche und Sensationelle angesprochen...die Bilder müssen stark sein...Comics haben etwas Grobes an sich und atmen die Arbeiterklasse. Wenn man sich zu weit davon entfernt, macht man sich lächerlich.“ So isses. Und: Das Richter-Fenster im Dom ist für mich auch unheimlich, sensationell und ein starkes Bild. Zack.

17. Du bist bis an die Ohren tätowiert. Geht das denn wieder ab und welche Bedeutung haben Tattoos für Dich?
Jedes hat seine eigene Geschichte und die ändert sich im Laufe der Zeit. Ich habe beispielsweise den Joker und Harley megafett auf dem Bein, das war mal was sehr Romantisches, jetzt steht es eher für den Lauf der Welt. Manche Sachen sind Souvenirs aus Amsterdam, Medellín und Eberswalde...ich bin da ganz oldschoolig und sehe es in der sammlerischen Tradition der alten Seeleute. Es ist auch ordentlicher Schrott und Trash dabei — und zwar nicht gewollt. Gehört dazu, passt, i like.

18. Bist Du ein Horrorfan? Schreckt die Arbeit da nicht eher ab? Verlangt es da einem nach Feierabend nicht eher nach erbaulicher Unterhaltung anstatt nach Mord und Totschlag?
Ich habe gestern noch mal „Pan’s Labyrinth“ geguckt und bin nachts aufgewacht und konnte nicht mehr schlafen — zu viel Ungerechtigkeit. In der Tat habe ich alle Horror-Sachen (außer Argento oder 70er-Jahre-Dracula-Zeugs) aussortiert. Ich kann sinnlose Gewalt und sozusagen nichtallegorischen Horror nicht mehr sehen. Allerdings bin ich nicht dagegen: Die Welt ist, wie sie ist. Nur sehe ich in meiner Arbeit tatsächlich genug davon. Das war, wie schon angedeutet, auch ein Grund, warum ich mit dem Dunklen Ritter und „The Boys“ sehr gut leben kann, mit der immer detaillierteren, aber oft beliebigeren Gewalt in „The New 52“ aber nicht mehr so ganz.


19. Was hat es mit der „Transylvanian Society of Dracula“ auf sich? Stillst Du dort Deinen Blutdurst? Gibt es tatsächlich bluttrinkende Menschen in unserer Gesellschaft oder ist das eine Medienente der 90er?
In der „Transylvanian Society“ bringen wir alle zusammen: Dracula-Film-Nerds, rumänische HistorikerInnen, Musik-ExpertInnen, die sich mit Moll beschäftigen (kein Witz), ArchitektInnen, die was über Gruselschlösser wissen und auch echte BluttrinkerInnen. Die gibt’s, siehe „Vampire unter uns!“, Band III (2014).

20. Du bewegst Dich auch in der Gothic-Szene. Trittst als Kriminalbiologe auf und erklärst dem schwarzen Festivalpublikum Deine Arbeit. Sind die Gothics zu unrecht als humorlos verschrien?
Naja... viele haben einen eher kindlichen Humor, der betont erwachsenen Menschen... äh... etwas kindlich erscheint. Wer aber wie die meisten Gruftis den Tod oder Mißbrauch zu früh und zu gut kennengelernt hat, der sieht sich eben lieber tastend im Dunklen um, wo die anderen einfach gegen die Wand laufen.

Der Comedian „Der Tod“ hat letztes Jahr zusammen mit mir ein riesiges Grufti-Festival moderiert und auch seine Gags vorgetragen. Am Anfang dachten die meisten, dass das grandios scheitert, aber das Gegenteil war der Fall — dieselben Pointen und Lieder, mit denen er auch Normalos begeistert, haben bei den Gruftis funktioniert. Der Tod ist offenbar eine humoristische Brücke.

21. Den Kriminalbiologen, der in der Rechtsmedizin über einer Leiche sein Fischbrötchen verzehrt (beliebte Szene in manchem Krimi), gibt es nicht wirklich, oder?
Ich hab’s in den letzten fünfundzwanzig Jahren noch nicht erlebt, aber meine Kollegin aus Würzburg, die ich vor zwei Wochen danach gefragt habe, hat. Was ich schräger finde: Todesermittler, die auf dem Weg zu einer Kinderleiche im Wald an der letzten Frittenbude vor dem Tatort erst noch mal in Ruhe Pommes essen. Das habe ich schon öfter gesehen...

22. „Die PARTEI“, in der auch Herr Sonneborn von der „Titanic“ aktiv ist, ist Deine politische Heimat. Hauptziel ist es, die Phrasendrescherei und falschen Versprechungen der bekannten Politiker als solche bloßzustellen, in dem „Die PARTEI“ noch eins draufsetzt. Hilft Satire im Parlament noch oder ist die Lage inzwischen zu ernst?
Hilft. Martin ist im Europaparlament und hat dort vermutlich mehr Strukturverbesserungen erzwungen, indem er einfach Lobbyfritzen gefilmt und den Ablauf von Abstimmungen beschrieben hat, als jemals ein Einzelner vor ihm dort.

Auch in den Stadträten mühen sich jüngere PARTEI-GenossInnen mit Mandat ab, aber meist wird ihnen der Irrsinn der politischen — also oft sachfremden Absprachen — doch zu blöd.

Ich denke, die Lage ist immer gleich ernst — guck mal in die „Jahrbücher“ von vor zehn, fünfzig und hundert Jahren...

23. Du bist ein hohes Tier in der „PARTEI“. Und „U-Comix“ lässt Dich hier vor Millionen Lesern ziemlich gut aussehen... noch! Wieviel Kulturförderung garantierst Du uns für den Fall eines zukünftigen Wahlsieges?
Ich will, was Ihr wollt.

Vielen Dank für das Interview, Mark!

Mit herzlichem Dank an Steff Murschetz und die Redaktion für die Freigabe und die Genehmigung zur Veröffentlichung.