(Voodoo)-Jahrestagung der American Academy of Forensic Sciences (AAFS), New Orleans

Quelle: SeroNews 10(1):25-27 (2005)
(Voodoo)-Jahrestagung der American Academy of Forensic Sciences (AAFS), New Orleans
Kongress-Bericht

Von Mark Benecke

Es war erneut die Themen-Vielfalt, mit der die U.S.-amerikanischen ForensikerInnen mich beeindruckten. Dazu vier Beispiele:

"Spike" Berber, von Beruf forensischer Odontologe, berichtete von einem Fall, in dem ein U.S.-Marine im Meer vor Phuket schwimmend eine Kollegin vergewaltigen wollte. Zwar biss er ihr die Nase ab und hinterließ auch an vielen anderen Stellen Biss-Spuren, allerdings ließ sich keine der Spuren hinterher eindeutig dem Gebiss des Täters zuordnen. Das machte aber zum Glück nichts: Gut 25 Zeugen hatten das Geschehen vom Strand aus beobachtet. Eingegriffen hatte aber niemand, da man den "Crazy Americans" in dieser Sache dann doch ein bisschen zu viel Crazyness zugestanden hatte.

Der forensischen Pathologin Bush ging aus einem anderen Grund der Hut hoch: Seit über zehn Jahren sterben in ihrem Dienst-Gebiet immer wieder Menschen durch "dumpster diving" (Schlafen in Müllcontainern). Die Verletzungen, die durch die hydraulische Presse im Müll-Wagen entstehen, sind eindrücklich: "Crush" -- das heisst neben klassischen Erstickungs-Zeichen und Knochenbrüchen auch "a liver that looks like hamburger meat" (eine zermalmte Leber, die wie Hackfleisch ausschaut).

Bersonders überraschend war die Nach-Untersuchung des angeblichen Mordes an Muhamed Jamal Al-Dura. Der palästinensische Junge war angeblich von israelischen Soldaten erschossen worden, was die jüngste Intifada auslöste. Wie Kollege Sahaf aus Isreal anhand zahlreicher Fernseh-Bilder, Blutspuren, Rauchwölkchen an der Mauer beim Einschlag der Projektile und einer Tatort-Rekonstruktion zeigen konnte, wurde der Junge allerdings erstens nicht erschossen, sondern nur angeschossen und zweitens geschah das durch Schüsse der Palästinenser selbst.

Unerfreulich war ein (noch laufender) Blind-Versuch unter forensischen EntomologInnen in den U.S.A.. Zwar bestimmten die KollegInnen das Alter der Larven halbwegs korrekt, allerdings vertaten sie sich beid er Bestimmung nah verwandter Fliegen-Arten. Hier zeigte es sich, wie schade es ist, dass die klassische Zoologie stirbt und dadurch kaum mehr Nachwuchs da ist, der gut bestimmen kann.

Mit höherer Politik machte Kollege Perrier aus Lausanne Bekanntschaft, der im Schweizer Tsunami-Team mitarbeitete. Die Thais verboten den Schweizern zunächst mit den Worten "Sie können hier alles tun, bloß keine Leichen anfassen" die Mitarbeit, bis die Schweizer Außenministerin (mit schicker, einbloniderter Strähne) eintraf. Auf irgend eine Weise konnte sie mit wenigen Telefonaten alle Hindernisse ausräumen und die Arbeit konnte beginnen. Ich habe eine dunkle Vermutung, worum es in diesen Telefonaten ging -- Sie auch?

Ein großes Problem für die Zahnärzte war übrigens, dass auch SchweizerInnen sich neuerdings ihre Zähne in Ost-Europa richten lassen. Fragt man dort aber nach dem Zahn-Status, so ist die Antwort in allen (!) Fällen, dass man "von diesem Patienten noch nie etwas gehört habe". Der Grund dafür dürfte wohl die unversteuerte Arbeit sein.

Aus Deutschland waren ü&brigens immerhin eine Handvoll ForensikerInnen angereist; persönlich gesichtet habe ich die KollegInnen Keil, Klotzbach und Tsokos, es müssen aber auch noch einige andere anwesend gewesen sein, darunter Lotte Henke.

Damit möchte ich schon schließen, um wie schon gewohnt (SeroNews 4:17-19 (1999) / 6:93-96 (2001) / 7:20-22 (2002) / 7:57-61 (2002) / 8:90-92 (2003) / 9:100-102 (2004)) lieber einige kulturelle Beobachtungen anhand von Fotos darzustellen, denn die sagen ja mehr als tausend Worte.

Nur noch eins: Schön war es nicht, einmal live zu sehen, dass die dunkelhäutigen Menschen in New Orleans innerlich noch sehr weit von Frieden und Gleichberechtigung entfernt sind. Der Unterschied der Südstaaten der USA im Vergleich zu den Nordstaaten war deutlich zu spüren, wenngleich die von mir befragten Dunkelhäutigen meinten, dass "die im Norden das bloß besser verstecken". Ich habe gestaunt.