Magnetische Menschen

2011-02 Skeptiker: Magnetische Menschen

Quelle: Skeptiker, 2/2011, Seiten 83 bis 85

Magentische Menschen

Dem RTL-Magazin „Explosiv“ erklärte der Kriminalbiologe Dr. Mark Benecke in experimenteller Form, was es mit „Magnetischen Menschen“ auf sich hat. Im Hintergrund ging es dabei auch um die Frage, ob Skeptiker überhaupt in solchen Sendungen auftreten sollen – und was sie bewirken können.

VON MARK BENECKE

Kaum war der praktische Test eines forensischen Mediums, das Kriminalfälle durch Betrachten von Tatort-Fotos (erfolglos) bearbeite, abgeschlossen1, spülte mir das Schicksal schon den nächsten Feldversuch zu: Ein serbischer Junge soll magnetisch sein, surrte es durch den Äther. Gabeln und Löffel haften an ihm (siehe Foto 1). Fernbedienungen und Pappbecher allerdings auch. Sind die magnetisch? Ist der Junge magnetisch? Ein bisschen? Vielleicht? Egal.

Skeptiker auf den Boulevard?

Das passte nämlich gut. Im Februar 2011 hatte es eine lange und sehr grundsätzliche Diskussion bei den Rhein-Ruhr-SkeptikerInnen gegeben, die sich um den Nutzen von skepti-Magnetische Menschen scher Beteiligung an Boulevard-Sendungen drehte. Die Frage, ob die ZuschauerInnen solcher TV-Formate überhaupt für Skeptisches aufnahmebereit seien, war durch die Teilnahme von Klaus Schmeh bei einem „Hellseher-Casting“ im RTL-Mittagsmagazin „Punkt 12“ aufgekommen. Dort hatte er in einer Art Experten-Jury als einziger Teilnehmer skeptische Positionen vertreten.

Als ich daher einen Anruf des zertifiziert boulevardesken Magazins „Explosiv“ – ebenfalls RTL – zum serbischen Magnetkind erhielt und so der (einzige gerade greifbare) Fachmann für Körpermagnetismus wurde, regte ich an, das Ganze einfach als Versuch nachzustellen, am besten mit beleibten Damen und mir.

Der Grund:

  • Falsifizierung durch mich (flache Brust, trockene Haut: nicht magnetisch);
  • positive Erklärung an den Damen (feuchte Haut, Gefälle an der vorstehenden Brust: auch nicht magnetisch, aber klebrig genug). Praktisch war des Weiteren, dass ich einen echten Magneten im Finger implantiert habe und daher Kompasse verstellen, Büroklammern entwenden und Münzen levitieren kann (siehe Foto 2), was bisher keines der „Magnetkinder“ kann.

Keine Dekolletés im Bild

Dass vorwiegend SkeptikerInnen (aber sonst offenbar kaum jemand) wissen, dass das simple Kleben auch nichtmagnetischer Gegenstände auf menschlicher Haut darauf beruht, dass diese bloß nackt und möglichst unbehaart, ein bisschen feucht und mit Mindest-Gefälle ausgestattet sein muss (damit die Gegenstände nicht gleich abrutschen), erstaunte mich wie wohl auch viele LeserInnen des Skeptiker2. Anstatt jedoch darüber zu lamentieren, leierte ich eben den Test an. Fragte sich nur, wen wir dafür gewinnen konnten.

Die Anti-Rutsch-Bedingungen waren in den mir durch verschiedene GWUP-Kongresse bekannten, älteren Fällen stets durch eine weibliche Brustwölbung gegeben. Anders als es das Vorurteil unter SkeptikerInnen hin und wieder besagt, wollte der Sender aber keine Dekolletés im Bild. Stattdessen wählten wir muskulöse Männer, da deren Brustmuskulatur ähnliche Bedingungen erfüllt. Als extrem coole Freiwillige meldeten sich die Personal Trainer Karsten Michler, Günter Portale und Alicia Napier aus Berlin (Letztere als vom Sender (!) gewünschte, unvoreingenommene Hilfsperson). Sie waren sofort bereit, ihre Metalligkeit vor laufender Kamera zu testen. Die beiden Test-Herren wussten dabei nur sehr entfernt, was wir von ihnen wollten, und erhielten auch keine Einweisung. Das heißt, sie durften auch nichts proben. Alles lief vor laufender Kamera ab, ohne Wenn und Aber.

Keine Panne mit der Pfanne
</font>

Sowohl das TV-Team als auch die Trainer hielten es zunächst für absolut möglich, dass irgendeine Form von Magnetismus das Haften bedingen könnte. Eine genauere Erklärung für den „Magnetismus“ des Jungen, von dem wir ihnen Fotos zeigten, hatten sie aber nicht. Meinen kritischen Erläuterungen glaubte man nicht so recht. Umso besser, denn so konnte der Versuch für sich sprechen. Als eindeutig das leichte Vorbiegen der teils etwas zu geraden Löffel sowie das Anhauchen des Pfannenbodens die Körper-Klebe-Ergebnisse verbesserte, und als zudem auf dem geraden Rücken der muskulösen Jungs nix haftete, an deren gekrümmten Schulter-Zonen aber schon (und an den Brustmuskeln sowieso), da brach das Eis des Verständnisses.

Das Ganze wurde schnell sogar ein regelrechter Wettbewerb. Zuletzt befestigten die Trainer eine schwere Pfanne an sich, was ein wirklich sehr, sehr eindrucksvoller Effekt ist, den niemand erwartet hätte. Wir haben nicht nur sehr viel gelacht – ich habe auch noch nie so verblüffte und erfreut-erleichterte Gesichter gesehen. So macht Skepsis Spaß. Nachahmung empfohlen.

Zusammenfassung:

  1. Ein Experiment sagt mehr als tausend Worte – besonders für Menschen, die Mathe, Biologie, Physik und Chemie vielleicht noch nie sehr spannend fanden, Körpermagnetismus oder Experimente aber eben schon.
  2. Unaufwändige Experimente3 machen riesigen Spaß und stehen nicht unter Klugscheißer-Verdacht. Man braucht nichts Naturwissenschaftliches erklären. Die Experimente sind vollständig selbst erklärend. Fragen kommen dann aber meist doch, und los geht‘s.
  3. Manchmal wird das Ganze gesendet.
  4. Interessierten Menschen zu antworten, kann niemals falsch sein. Nicht zu antworten: das finde ich problematisch.
  5. Wer die Boulevard-Medien nicht mag, kann stattdessen in jede Schule gehen. Die LehrerInnen freuen sich nach Erfahrung meines Teams und von mir über die Abwechslung. Der Aufwand ist verschwindend klein (eine Dose Besteck und etwas Plastik-Müll); bei einem Experiment im Haushalt ist er sogar null. Die Freude und der Lern-Effekt sind hingegen riesengroß. Siehe die Fotos 3 bis 5: Die Gesichter der Beteiligten sagen mehr als viele Worte.
  6. Ein Ausflug ins Sport-Studio lohnt sich auch für unsportliche SkeptikerInnen.

Hundekot C30 und Zitterkäfer

Noch einmal: Erklärungen, Vorbereitungen und Statistiken sind bei diesem Versuch unnötig. Das Ganze läuft spielerisch wie von selbst und bleibt in Erinnerung. Zusammen mit einem Fläschchen Hundekot C30 und einem Mini-Zitterkäfer zur Darstellung unbewusster Muskelbewegungen ist man als SkeptikerIn sogar für weitere eindrucksvolle Vorführungen gerüstet.

Zum Schluss noch der Hinweis eines Physik-Lehrers, der die RTL-Sendung sah: Das Ganze hat wenig mit Haftreibung zu tun – dieses naheliegende Wort also besser nicht verwenden, falls es Fragen gibt. Und für Flachbrüstige noch ein letzter Tipp: Einfach ein ganz klein wenig nach hinten lehnen oder kräftig Fettgewebe aufbauen, dann klappt‘s auch ohne Muskeln oder Dekolleté. Viel Spaß!