Buchrezension: MN Nyiszli: Im Jenseits der Menschlichkeit. Ein Gerichtsmediziner in Auschwitz

Buchrezension: MN Nyiszli: Im Jenseits der Menschlichkeit. Ein Gerichtsmediziner in Auschwitz
SeroNews 10(3):102-104 (2005)
Buchrezension: MN Nyiszli: Im Jenseits der Menschlichkeit. Ein Gerichtsmediziner in Auschwitz. (engl. als: "An Eywitness Account of Mengele's Infamous Death Camp")

Von Mark Benecke

Wussten Sie, daß in Auschwitz ein Rechtsmediziner arbeitete, der 1930 im Gerichtsärztlichen Institut der Breslauer Friedrich-Wilhelms-Universität promoviert hatte?

Er hieß Nicolaus Nyiszli und war 1944 von Josef Mengele bei der Selektion in den Konzentrations-Lagern bei Auschwitz ausgewählt worden.

Der Grund: Mengele brauchte Hilfe bei der fachgerechten Untersuchung seines Menschen-Materials. In den Worten Nyiszlis: ”Dr. Mengele ist Rassen-Biologe und kein Facharzt für pathologische Anatomie.”

Für Nyiszli bewirkte seine tragische Freiwilligen-Meldung an der Rampe, daß er fortan nicht etwa ”ein”, sondern der Rechtsmediziner Auschwitzs wurde; Sektions-Gehilfe war der jüdische Präparator Adolf Fischer vom Prager Universitäts-Institut für Anatomie.

Die rumänische Familie Nyiszli war in Auschwitz gelandet, obwohl es selbst dem ungarischen Diktator Horthy zunächst nicht möglich erschienen war, die jüdischen Menschen aus Ungarn und Transylvanien/Siebenbürgen einfach abtransportieren und vernichten zu lassen. Immerhin waren gut die Hälfte der dort niedergelssenen Ärzte und Rechtsanwälte Juden. Als ”Ersatz” für sie standen dem Diktator nur -- Zitat -- ”unfähige Prahler” zur Verfügung. Diese eigentümlichen überlegungen hielten aber nur bis März 1944. Danach sorgte die SS für Tatsachen.

Den Inhalt von Nyiszlis Buch möchte ich hier nicht beschreiben, denn die SeroNews-LeserInnen werden sich seinen Bericht vermutlich ohne spoiling selbst zu Gemüte führen wollen. Nyiszli wollte ”keinerlei literarischen Erfolg, denn ich bin Arzt und kein Schriftsteller”, doch gerade darum ist sein Werk so interessant und zog mir nachhaltig die Socken aus. Es ist übrigens sehr wohl gut geschrieben und dabei kein bißchen klebrig oder triefig. Eine nüchternere und nähere Beschreibung der Vernichtungs-Vorgänge in Auschwitz und von Mengeles Tun hatte ich jedenfalls selten in den Fingern.

Stattdessen einige Worte zur Geschichte des Werkes:

Der unfassbare Text erschien jahrzehntelang nur bruchstückhaft auf Deutsch. Als er dann 1992 doch noch vollständig herauskam, war er auch schon wieder vom Markt verschwunden. Nyiszlis Name tauchte bis vor wenigen Monaten in keinem Buch-Katalog auf, und selbst im ZVAB war er nicht verzeichnet. Das ist umso merkwürdiger, als der Rechtsmediziner 1947 nicht nur in Nürnberg als Zeuge ausgesagt hatte, sondern damals in der Tagespresse sogar eine Serie über Nyiszlis haarsträubende Arbeit in Auschwitz erschienen war. In anderen Ländern war das Buch stets erhältlich.

Ich zweifelte schon an meinem Verstand, als im Frühjahr 2005 urplötzlich ein angebliches ”Buch zum Film Die Grauzone” veröffentlicht wurde. Die Benennung stimmt nicht ganz, denn es handelt sich eher um den Film zum Buch: Eben zum 1946 verfassten Bericht Nyiszlis. Der ist allerdings in Deutschland schon jetzt (Juli 2005) wieder gemängelt und deshalb gewiß gleich wieder vergriffen.

Die offenbar durch den Film bewirkte deutsche Neu-Bearbeitung hat jedenfalls viel Gutes. Herausgeber der Neu-Auflage ist nämlich Friedrich Herber, der an dieser Stelle schon mehrmals gelobte Rechtsmediziner (vgl. SeroNews 7(3/2002):78 und 8(3/2003):99). Herber hat zusammen mit Andreas Kilian sinnvolle (und -- gut für den Lese-Fluss -- in Anhänge gestellte) Anmerkungen, Fotos und Zeit-Tafeln beigefügt. Sie berichtigen unter anderem auch kleinere Irrtümer Nyiszlis.

Auch die U.S.-Ausgabe von 1960 ist übrigens lesenswert, denn sie enthält ein Vorwort Bruno Bettelheims. Dort vertritt er die harsche Meinung, daß Auschwitz gescheitert wäre, wenn die Internierten einfach dauerhaft rebelliert hätten: ”Why did they throw their lives away instead of making things harder for the enemy?”

Mit Nyiszli geht Bettelheim ebenfalls ins Gericht: ”How Dr. Nyiszly fooled himself can be seen, for example, in his repeatedly referring to his work as a doctor, though he worked as the assistant of a vicious criminal.” -- Der Angesprochene konnte dazu nichts mehr sagen. Er war vier Jahre zuvor verstorben.

Es ist, wie gesagt, nicht nötig, Nyiszlis Bericht hier vorzugreifen, doch möchte ich meine unbedingte Buch-Empfehlung mit Teilen seines Nachwortes beenden:

”Meine Augen begleiteten 2 Millionen Menschen bis zur Gaskammer. Ich war Zeuge, wie Menschen auf dem Scheiterhaufen [gemeint sind Verbrennungsgruben] verbrannt wurden.

Auf Befehl eines fanatischen, sich für ein Genie haltenden wahnwitzigen Arztes öffnete ich die Leichen von Hunderten von Opfern. Er wollte Nutzen ziehen aus dem Tod von Millionen Opfern für falsche, für pseudowissenschaftliche Theorien.

Ich schnitt das Fleisch aus den Körpern gesunder Mädchen für Dr. Mengeles Bakterienkulturen. Ich badete die Leichen von Krüppeln und Zwergen in Kalziumchlorid-Lösung und kochte sie in Bottichen, damit die sachgemäß präparierten Skelette in die Museen des Dritten Reiches gelangen konnten, um dort zukünftigen Generationen als Beweis für die Ausrottung niederer Rassen zu dienen. (...)

Ich will wieder arbeiten. Es wird ein gutes Gefühl sein, wieder den Menschen zu helfen. Aber nie wieder werde ich Tote sezieren. Nie wieder...”

Mark Benecke (http://www.benecke.com/) arbeitet international als Kriminalbiologe. In seinem Buch So arbeitet die moderne Kriminalbiologie (3. Auflage, 2006) findet sich eine ausführliche Geschichte der von Forschern und Politikern missbrauchten, scheinbar naturwissenschaftlich begründeten Kriminalbiologie in den 1930/40er Jahren, der auch heute noch sehr viele Menschen auf den Leim gehen würden.

Siehe auch:

  • Buchrezension: Friedrich Herber (2000/2003) Sezierte Wahrheit. Professor Kockels authentische Fälle
  • Buchrezension: Friedrich Herber (2002) Gerichtsmedizin unterm Hakenkreuz

Den Artikel gibt es HIER (.pdf)