Buchrezension Luigi Lucheni: "Ich bereue nichts." Die Aufzeichnungen des Sisi-Mörders.

Quelle: SeroNews 11(1):23-24 (2006)
Buchrezension Luigi Lucheni: Ich bereue nichts (SeroNews, 2006)
Buchrezension: Luigi Lucheni: "Ich bereue nichts." Die Aufzeichnungen des Sisi-Mörders.
Hrsg. v. Santo Cappon, Übers. v. Bernd Wilczek. Paul Zsolnay Verlag, Wien

Von Mark Benecke

Huch! Zwischen Büchern über Eigen-Urin-Behandlung und Skelett-Postkarten lag im Wiener anatomischen Museum ein Bericht, von dem mir bislang niemand glaubt, dass er echt ist: Die Autobiografie des Mörders der österreichischen Kaiserin Sisi. Der Sisi-Mord ist wegen der verzuckerten Romy-Schneider-Filme längst vergessen (in diesen wird die Kaiserin nicht getötet), und da ein Wärter dem Täter die in Anstalts-Heften niedergeschriebenen Lebens-Erinnerungen 1909 aus der Zelle stibitzt und versteckt hatte, gab es über Lucheni nicht viel mehr zu berichten, als dass er ein "Anarchist" gewesen sei. Doch weit gefehlt.

Die Bezeichnung "Anarchist", die sich Lucheni tatsächlich selbst zugelegt hatte, bricht er sehenden Auges. Stattdessen beschreibt er teils in pathetischen, öfters aber in glasklaren Worten, wie er als Fürsorgezögling in Pflegefamilien zeitweise so horribel aufwuchs, dass selbst Charles Dickens die Story nicht mehr hätte retten können. Und das ist es im Grunde auch schon. Eigentlich durch Zufall kam dem von Hass und Verzweiflung durchtränkten Mann dann die angebliche Märchen-Kaiserin in die Quere; es hätte aber an diesem Tag ebenso gut eine andere reiche und schöne Person treffen können.

Nachdem man ihm seine Lebensgeschichte abgenommen hatte, wurde Lucheni noch unausstehlicher, als er ohnehin schon war. Er schrieb Beschwerden, tobte, zertrümmerte seine gesamte Zelle und hing sogar ein Bild der von ihm getöteten Kaiserin auf. Erst im Oktober 1910 fand er bei einem erneuten Aufenthalt in der Dunkelzelle endlich seinen Frieden und starb.

Verrückt ist, dass das Buch 1998 hierzulande überhaupt keine Wellen geschlagen hat, obwohl es eine gute Lebens-Schilderung und einen sauberen Einblick in den damaligen Knast-Alltag, noch dazu aus erster Hand, liefert. Außerdem hat der Herausgeber eine sinnvolle Einleitung zum Fall Lucheni geschrieben. Weitere Perle: Wir lesen von einer Untersuchung des alten Lombroso, nur diesmal aus der Sicht des Untersuchten, Lucheni. Lombroso war schon damals umstritten; das wussten sogar die Häftlinge! -- Es gibt also genügend Gründe, das Buch aus einem modernen Antiquariat Ihrer Wahl zu befreien.

Wem das noch nicht genügt: Alle SeroNews LeserInnen werden erfreut erfahren, warum Luchenis Lebens-Beschreibung überhaupt im Wiener anatomischen Museum ausliegt. Und wie sind sie überhaupt aufgetaucht? (Sie lagen weder in einem verstaubten Archiv noch im Museum.) Wer diese spannenden Wies und Warums ermitteln will, soll einfach zum sauber gebundenen und ordentlich illustrierten Buch des Sisi-Möders greifen.

Vielleicht fragen Sie sich nach dem Lesen auch, was Täter damit meinen, wenn sie von einer schlechten Kindheit sprechen und Vorschläge dazu machen, diese für immer zu ändern.