Beneckes Bücherschrank: Biowaffen-Lexikon

2003 SeroNews: Beneckes Bücherschrank (10d)
Quelle: SeroNews Nr. 1/2003 (Vol. 8/8. Jg.), S. 14-15
Beneckes Bücherschrank (10d): Biowaffen-Lexikon

VonMark Benecke

Achim Th. Schäfer: Bioterrorismus und biologische Waffen. Gefahrenpotential – Gefahrenabwehr. Broschiert, 154 Seiten, Köster, Berlin, 2002, ISBN 3895744654, € 19,80

Weder die örtlichen Feuerwehren noch die Polizei sind in Deutschland auf mögliche Angriffe mit Bio-Waffen angemessen vorbereitet (vgl. Benecke M, Moser M, Trepkes M, Spauschus N: Milzbrand-Briefe. Kriminalistik 56(2002)112-6). Es mangelt an praktischem Training (Welche Schutzkleidung schützt, welche ist nur Zierde? Ist es sinnvoll, eine Plane über Stäube zu breiten? Darf ich das weiße Pulver auf dem Geh-Steig in die Kanalisation spülen?) und einer gut verständlichen Zusammenfassung in deutscher Sprache, die auf der Dienst-Stelle ihren dauerhaften Platz findet.

Hier hakt Rechtsmediziner Achim Schäfer ein. In seinem geschmeidig lesbaren Taschenbuch stellt er umfassend und systematisch dar, was derzeit in Sachen Biowaffen bekannt ist – natürlich ohne Bau- und Zucht-Anleitungen. Stattdessen ermöglicht das mit Glossar und knappem Register versehene Buch ein echtes, eigenes Verstehen der Gefahren von waffenfähigen Viren und Bakterien. Auch pflanzliche Gifte und andere Toxine, die gegen Menschen eingesetzt werden können, werden behandelt. Angaben zur (rechnerischen) Reichweite, der Anzahl möglicher Toter und Erkrankter sowie -- im speziellen Teil des Buches -- zur Geschichte, Vorbeugung, und Ansteckungs-Kraft der einzelnen Bio-Waffen ergänzen das Bild. Im Gegensatz zu Wendy Barnabys Buch „Biowaffen. Die unsichtbare Gefahr“ (2002) stimmen bei Schäfer auch die Details.

Gut gefallen haben mir daneben die Hinweise auf das Schicksal der bulgarischen Überläufer („Regenschirm-Morde“ mittels Ricin in James-Bond-Art) sowie zum Entweichen von Milzbrand-Erregern aus einer Fabrik in Sverdlovsk (mit Karte!). Wo Schäfer angesichts der angeblich geringen Zahl damals in der Sowjet-Union erkrankter Kinder (bei einer ungewöhnlich hohen Zahl erkrankter Männer) auf Vertuschung hinweist, wurde mir vor einiger Zeit ergänzend folgendes gesagt: Die Sporen seien am Wochenende abends entwichen, als bloß Männer Kneipen-Umzüge veranstalteten ; Frauen und Kinder seien daheim geblieben. So absurd sich dies anhört – aus der Sicht der Wissenschaft von der Ausbreitung von Massen-Erkrankungen ist es eine mögliche Erklärung.   

Der kommenden Auflage dieses guten und intelligenten, aber nicht ganz billigen Handweisers wünsche ich bloß einen erweiterten Tafel-Teil. Wer das Buch durchstöbert, erfährt außerdem etwas über die Operation „Big Itch“ (Kriegsführung mittels Insekten), die Waffe hinter den Biowaffen (sie heißt Angst), von Bhaghwanies verseuchten Salat sowie mit Shigellen versetzte Muffins.