Seronews: Grabrede für die Seronews

Quelle: SeroNews 11(4):159-160 (2006)
Grabrede für die Seronews

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VON MARK BENECKE

Wer länger in den USA arbeitet, lernt dort die "Forensik" kennen. Dieses Fach ist den meisten Deutschen nie begegnet, und auch ich staunte, als ich 1997 nach Manhattan ging: Das "in foro - in der Öffentlichkeit" (hier also vor Gericht) verwertbare Wissen wird dort von TechnikerInnen, PolizistInnen, forensischen PathologInnen, PsychiaterInnen und NaturwissenschaftlerInnen ganz selbstverständlich gemeinsam ermittelt. Das Fach Rechtsmedizin als für sich stehende Disziplin spielt in den USA besonders auf Kongressen kaum eine Rolle, sondern ist Teil des Ganzen - eben der Forensik.

Auf den Treffen der American Academy of Forensic Sciences (AAFS) geht es entsprechend bunt und facettenreich zu. Dort wird viel gelacht, getüftelt, nach dem Nutzen gefragt, dem Einzelfall, aber auch der Statistik gefrönt, industriell optimiert, auch gemurkst, vor allem aber immer der Nachwuchs trainiert.

Nichts davon fand ich in Deutschland, als ich 1999 zurück kehrte. Die Kongresse der autoritären und überhaupt nicht divers aufgebauten Deutschen Gesellschaft für Rechtsmedizin spiegelten zunächst vor allem eine große Zögerlichkeit, später auch die Angst vor Instituts-Schließungen wieder. Mutiges Gegensteuern erfolgte nicht; stattdessen wurde taktiert, ausgegrenzt, argwöhnisch beäugt und gekungelt. Ohne die öffentliche Präsenz ganz weniger Rechtsmediziner und ohne das Buch von Sabine Rückert ("Tote haben keine Lobby") hätte das Ganze wohl ein noch böseres Ende genommen. Gedankt wurde es den beiden - wie auch den übrigen Menschen, die ihr Gesicht für die Sache hingehalten haben - nur scheinbar oder gar nicht, sondern sie mussten eher mit dem abgeschmackten Vorwurf leben, dass weniger Öffentlichkeit im Grunde besser wäre. Warum es besser sein soll, nichts zu sagen, anstatt sich sachlich auch gegenüber der Allgemeinheit (eben "in foro") zu äußern, habe ich nicht verstanden.

Selbst die in Deutschland verhasste und mit galliger Bissigkeit und Wucht bekämpfte Idee, einzelne rechtsmedizinische Abteilungen zu privatisieren oder den Gesundheitsämtern und damit "der Stadt" zuzuschlagen, kann den U.S.-Amerikaner nicht schrecken. "Warum nicht?", sagt man sich dort, wie auch in England, pragmatisch. "So lange an einzelnen guten Instituten geforscht wird, kann an anderen Instituten ja ruhig ein Routine-Betrieb erfolgen. Wo ist das Problem?" Folge dieser hierzulande mit aller Macht bekämpften Denkweise: Das Office of Chief Medical Examiner in Manhattan, das auch das Attentat gegen das World Trade Center verantwortlich bearbeitete, gehört bis heute nicht zum New York University Medical Center, das direkt daran angrenzt, sondern schlicht zur Stadt New York. Akademische Funktions-Titel hat in diesem Institut niemand, trotzdem sind alle zufrieden. Hm.

Das alles hat viel mit den SeroNews zu tun. Auf den Seiten dieser schönen Zeitschrift wurde versucht, ein forensisches und damit zwangsläufig heterogenes Bild darzustellen, das BestatterInnen, JuristInnen, BiologInnen und eben RechtsmedizinerInnen gefiel. Die Fortbildungs-Seiten sowie Berichte über Auslandseinsätze nahmen dabei großen Raum ein, ebenso wie das oft ungläubige Staunen der Autoren über irre Totenscheine und bizarre Anfragen von Laien an die Institute.

Die SeroNews waren damit eine Art forensische Schülerzeitung -- sie konnte albern, unausgewogen und hin und wieder auch reich an Druckfehlern und komischen kleinen Grafik-Bildchen sein. Dennoch spiegelte sie besser als jedes andere "Organ" (so heißen Verbands- und Gesellschafts-Zeitschriften) das wider, was in Deutschland wohl die "Forensik" wäre. Ich habe daher alle SeroNews-Ausgaben fest gebunden und verschlagwortet in meine Bibliothek aufgenommen, wo sie neben dem Archiv für Kriminologie , der Kriminalistik, der Zeitschrift der kriminalist und dem englischen Bizarre Magazine nicht nur einen Ehrenplatz einnehmen, sondern auch häufig benutzt werden. Die Zeitschrift "Rechtsmedizin", zu deren Abonnement ich für einen Preis von über dreihundert Euro per Mitgliedschaft in der Gesellschaft für Rechtmedizin gezwungen werde, habe ich hingegen aussortiert.

Damit wären wir bei der Frage, was eine gute forensische Zeitschrift ausmacht. Ein peer review muss es für rein wissenschaftliche Beiträge schon geben, doch der SeroNews genügte stets ein kollegialer Blick. Kein Wunder: Die Beiträge waren eben so splitterhaft und vielschichtig wie das forensische Dasein. Übrigens wurden auch Beiträge abgelehnt -- der Vorabdruck meines Textes "Kriminalbiologie im dritten Reich", der später im Buch "So arbeitet die moderne Kriminalbiologie" (Lübbe, 2006) erschienen, ist dafür ein Beispiel. Dieser Text war dem SeroNews-Team inhaltlich zu heikel.

Dass Wolfgang und Angelika Huckenbeck die Zeitschrift nun einstellen, spiegelt auch das letzte Gefecht der universitären Rechtsmedizin wieder. Ich erinnere mich noch an die ersten beschlipsten Betriebsprüfer, die in unsere Labore schlichen und zur allgemeinen Belustigung fragten, wie lange eine PCR dauert. Das Lachen verging sehr schnell, als kurz darauf Zertifizierungen, Effizienz-Maßgaben und Budget-Kürzungen das Fach trafen. Obwohl schon in den 1970/80er Jahren versucht worden war, den damals so genannten Orchideen-Fächern -- darunter auch Hygiene, Mikrobiologie und Rechtsmedizin, die daraufhin als "ökologisches Stoffgebiet" angeboten werden mussten -- das Wasser abzudrehen, konnte das völlige Aus damals noch abgewendet werden. Heute haben die fachärztlichen KollegInnen so wenig Zeit, dass der Herausgeber der SeroNews zuerst seine Frau bat, ihm bei der Erstellung der des Heftes zu helfen, bis die Arbeitsbelastung auch für beide gemeinsam zu viel wurde. Es ist schade, dass damit der wichtigste Kristallisationspunkt der frei denkenden, tüftelnden und von mir aus auch emotionalen und exzentrischen, immer aber persönlichen und direkten Forensik im deutschsprachigen Raum wegfällt.

Meinen StudentInnen empfehle ich seit langem zwei Dinge, wenn sie naturwissenschaftliche KriminalistInnen werden wollen, die auch etwas von Rechtsmedizin verstehen: In die Schweiz zu gehen oder die SeroNews zu lesen. Letzteres fällt ab sofort leider weg, so dass die StudentInnen sich nun wohl besser über die Landesgrenzen bewegen (falls sie meinen Worten glauben).

Der letzten Rede kurzer Sinn: Tschüss, SeroNews! Du warst wild und frei und bunt und sehr informativ. Es ist keine Schande, mit solchen Eigenschaften ins Grab zu sinken. Et wor schön mit Dir. Mach et joot.

Mark Benecke (www.benecke.com) arbeitet international. Er promovierte als Naturwissenschaftler in der Kölner Rechtsmedizin, arbeitete als Kriminalbiologe in Manhattan und ist nach kurzen Abstechern zum FBI nun öffentlich bestellter und vereidigter Sachverständiger für biologische Spuren. Für die SeroNews verfasste er zwischen 1999 (Arbeitsbericht aus Kolumbien: "Kokainschmuggeltricks und Salzkirchen") und 2006 (Rezension "Kirchschlagers Criminal- & Curlositäten-Cabinett") insgesamt 46 Beiträge, die auf seiner Website unter Publications für die vorläufige Ewigkeit bewahrt und dort weiterhin abrufbar sind.