Rechtsmedizinisch angewandte kerb- und spinnentierkundliche Begutachtungen in Europa.

1998 Rechtsmedizin: Rechtsmedizinisch angewandte kerb- und spinnentierkundliche Begutachtungen in Europa. (Use of insect evidence in history and in Europe s forensic medicine: a short survey.)

Quelle: Rechtsmedizin (1998) 8: 153-155

Rechtsmedizinisch angewandte kerb- und spinnentierkundliche Begutachtungen in Europa. (Use of insect evidence in history and in Europe s forensic medicine: a short survey.)

Eine kurze Übersicht über Ursprünge und den aktuellen Stand der Forschung

von Mark Benecke

Zusammenfassung Der Artikel gibt eine kurze Übersicht über die Geschichte der Methode. – Während insektenkundliche Beweise in den Vereinigten Staaten von Amerika bereits von Gerichten anerkannt werden, sind in Europa nur wenige Experten mit der rechtsmedizinischkriminalistischen Arthropodenkunde vertraut. Besonders im franko-belgischen Raum, England und Skandinavien wurde die Methode jedoch Aufrechterhalten und in den letzten hundert Jahren zur praktischen Anwendung gebracht. Frankreich muß als in dieser Hinsicht fortschrittlichstes Land gelten, u. a., weil in Rosny-sous-bois ein polizeiliches Routinelabor für Insektenuntersuchungen besteht. Neuere Entwicklungen lassen nun auch im deutschsprachigen Raum darauf hoffen, daß die Untersuchung von Gliedertieren ihren festen Platz im Repertoire der rechtsmedizinischen Praxis findet.
Schlüsselwörter Insekten · Arthropoden · Forensische Entomologie · Geschichte · Spurenkunde · Leichenliegezeitbestimmung


Abstract The article gives a short review on the history of the field. First forensic cases were solved by the use of medicocriminal entomology in the thirteenth century but the method has only developed to a professional level over the last 100 years. In Europe, mainly French, Belgian, English and Scandinavian researchers have been responsible for maintaining the methods. In France, an entomological police laboratory has been set up in Rosnysous-bois. In contrast to the United States of America where entomological evidence is accepted by the courts, the method has only just started to be accepted in Germany. Initially cooperation with the police and with judges might help to establish the analysis of arthropods as a routine tool in forensic science for Germany.
Key words Insects · Arthropods · Forensic entomology · History · Estimation of postmortem interval (PMI)

Neben den altbewährten und neueren rechtsmedizinischen Methoden nimmt die Insektenkunde – häufig als forensische Entomologie bezeichnet – eine Sonderstellung außerhalb des Routineinstrumentariums ein. Erste kriminalistische Anwendungen sind zwar bereits aus dem 13. Jahrhundert bekannt (Abb. 1), naturwissenschaftlich wurzelt die Methode aber in ökologischen Untersuchungen, die seit Ende des 19. Jahrhunderts unternommen wurden und biosystemische Fragen der Leichenfauna bei Säugern zum Inhalt hatten. Damals verfaßten Megnin (1894) und Johnston und Villeneuve (1897) die inititalen Arbeiten zur rechtsmedizinisch angewandten Arthropodenkunde; Bergeret hatte schon 1855 erste Fälle bearbeitet.

Anfang des 20. Jahrhunderts gelangte das bis dahin rein akademische Interesse – auch im Zuge der Insektenbekämpfung – zur praktischen Anwendung (z.B. Schmitz 1928), erlebte aber nach dem Zweiten Weltkrieg bis in die sechziger Jahre hinein einen deutlichen Einbruch. Der Grund dafür lag und liegt darin, daß forensische Arthropodenkundler (so die richtige Bezeichnung) keine Berufsgruppe darstellen, sondern ihre Beschäftigung häufig erst im Alter neben ihrer eigentlichen Erwerbsquelle als Entomologen, Ökologen, niedergelassene Ärzte, Kuratoren in Naturkundemuseen oder Molekularbiologen betreiben müssen. Da eine vertiefte, anwendbare Kenntnis des Gebietes nur durch äußerst zeitintensive Arbeiten möglich ist, wundert es nicht, daß bislang nur sehr wenige ernsthafteKenner der Fauna von Säugetierleichen in diesem Feld arbeiten. In den Vereinigten Staaten von Amerika, wo die rechtsmedizinisch-kriminalistische Analyse von Insekten als Beweismaterial unter anderem durch die erfolgreiche Zusammenarbeit der Bundespolizei FBI mit Wissenschaftlern allgemein sehr bekannt ist (z.B. Lord 1990), ist die Situation dabei besser als in Europa: In den USA findet sich immerhin in zwölf Bundesstaaten jeweils mindestens ein rechtsmedizinisch versierter Insektenkundler, meist ein universitärer Berufsentomologe. Ein lockerer Zusammenschluß einiger US-amerikanischer forensischer Entomologen bildete sich nach dem 18. Internationalen Kongreß für Entomologie in Vancouver im Jahr 1988 unter dem Namen CAFE (Council of American Forensic Entomologists); in diesem Kontext erschien 1990 auch das populäre Handbuch Entomology und Death von Paul Catts (†) und Neal Haskell, das aber bei weitem nicht an das englische Manual of Forensic Entomology (1986) von Kenneth Smith (1986) aus der naturkundlichen Abteilung des British Museum heranreicht. Vor US-amerikanischen Gerichten werden arthropodenkundliche Beweise seit mehreren Jahren zugelassen (vgl. Catts und Haskell 1990).

Stammten schon die ersten modernen, rechtsmedizinisch-entomologischen Arbeiten aus französischsprachigen Ländern (Frankreich, Belgien und Kanada), so nahm Marcel Leclercq die Arbeit Ende der sechziger Jahre in Belgien wieder auf (Leclerq 1968; Leclercq und Tinant- Dubois 1973). Im skandinavischen Raum wurde Pekka Nuorteva etwa zur selben Zeit zum wichtigsten Vertreter des Fachs (z.B. Nuorteva et al. 1967). Nach seiner Darstellung im Lehrbuch von Tedeschi, Eckert und Tedeschi (1977) – vor allem auch den eindrucksvollen Fallberichten – wurde zumindest die Forschung in Europa wieder angestossen (z.B. Reiter und Wollenek 1983; Reiter und Hajek 1984). Dennoch konnten Appelle wie der des britischen Entomologen Zakariah Erzinçlioglu (1989) im Editorial von Forensic Science International nicht ausbleiben; dort forderte er zurecht, die Forschung und Anwendung der Methode erheblich auszuweiten. Tatsächlich mangelt es zur Zeit insbesondere an der praktischen Umsetzung der im Grunde vorhandenen Technik. Aus diesem Grund sind französische Experten, obwohl sie dies international nicht genügend verdeutlichen (z.B. Hédouin et al. 1996, Bourel et al. 1997), nach wie vor in der Europäischen Forensischen Entomologie führend, unter anderem, weil sie unter der Leitung von Capitaine Vian als einziges Land ein rein polizeilich genutztes und von Polizisten und Technikern betriebenes insektenkundliches Labor besitzen (in Rosny-sous-bois; Vian, pers. Mitt.); bereits im Dezember 1996 hatte die Polizeigruppe über 150 Todesfälle arthropodenkundlich bearbeitet. Im deutschsprachigen Raum ist die Technik zwar bekannt (Benecke 1996a, 1996c und 1997c; Weber 1997), steht aber insgesamt noch in ihren Anfängen. Die Zusammenarbeit mit der deutschen Polizei (besonders das Training der richtigen Spurensicherung (Benecke 1997a, b) sowie erste Kontakte mit der Justiz, z. B. im Fall Weimar (Benecke, in Druck), sind aber erfolgversprechend.

International erfolgt der wissenschaftlich-informelle Austausch zur Zeit via Internet zwischen den unter der Webadresse http://www.uio.no/~mostarke/forens_ent/forensic_entomologists.html zusammengeschlossenen Fachleuten. Dabei kristallisiert sich neben der zunehmend verfeinerten und statistisch abgesicherten, klassischen Methode zur Bestimmung des postmortalen Liegeintervalls (PMI) anhand des Entwicklungsganges von Maden (Schoenly 1992; Schoenly et al. 1996) auch der Nutzen von Arthropoden als regelrechtes Spurenmaterial heraus (Speicherung von Giften und Erregern aus der Leiche, biotopspezifische Verbreitung bestimmter Arten u.a.; Übersichten dazu in Benecke 1996b, c, 1997c, d).

Neben Berufsentomologen und -ökologen interessieren sich seit einigen Jahren auch im deutschsprachigen Raum polizeiliche Ermittler, Rechtsmediziner und Juristen zunehmend für das Gebiet der Forensischen Arthropodenkunde (z.B. Vorsitzender Richter am Landgericht Gießen Weller, pers. Mitt.). Das in hunderten insektenkundlicher Veröffentlichungen sowie in den Köpfen weniger Fachleute angesammelte Wissen kann so in den kommenden Jahren wieder seinen Platz als einer vonvielen Bausteinen im Reigen rechtsmedizinisch angewandter Methoden finden und damit zugleich einen Beitrag zu kreativer und wacher Forschung in Europa leisten.

Danksagung Dipl.-Bibliothekarin Ruth Frilling und Walter Schulze, Institut für moderne Chinastudien der Universität zu Köln, haben den Autor bei der Bearbeitung der altchinesischen Teile des Werkes von Sung Tz’u freundlich unterstützt.