Rechtsmedizin: III Simposio Latinoamericano De Entomologia Forense

Quelle: Rechtsmedizin 1: 65-66, 2009.
Ill Simposio Latinoamericano De Entomologia Forense
Medellin, Kolumbien, 31.10 - 3.11.2008

Mark Benecke
Der Zweijahresrhythmus pendelt sich ein und so fand eines der informativsten, abr auch bizarrsten forensischen Trainings im Herbst 2008 zum "dritten" - eigentlich vierten - Mal seit 1999 an der staatlichen Universidad de Antioquia (U de A) in Medelin statt.

Der Kurs erfreut sich trotz Teilnahmegebühr großer studentischer Beliebtheit, weil die Referenten international rekrutiert werden und die Veranstaltung mit viel Theorie, aber auch breit gefächerter Praxis angelegt ist. Weil Kolumbianer nordamerikanische "Gringos" nicht mögen, lud Kursleiterin Marta Wolff (U de A) statt der bekannteren KollegInnen aus den USA und Kanada lieber José Roberto Pujol (Univ. de Brasilia, Spezialist für Waffenfliegen (Stratiomyidae)), Claudio José Carvalho (Univ. Paraná, einer der weltweit bekanntesten Experten für die oft schwierig zu bestimmenden "normalen" Fliegen (Musciden)), den Kriminalbiologen Marco Villacorta (Inst. Rechtsmedizin Perù) sowie unsere ehemalige Studentin und jetzt Gruppenleiterin Sandra Pérez Pareia (U de A) als "Conferencistas" ein.

So sehr sie die Gringos verabscheuen, so sehr lieben unsere StudentInnen Tiere. Daher konnten wir für deutsche Verhältnisse ungewohnt spezialisierte Vorträge über insektenkundliche Details bringen. Sogar die geladenen StaatsanwältInnen, KriminaltechnikerInnen und PolizistInnen ließen sich davon nicht schrecken, weil sie wissen, dass auch Insekten-Fragmente und Verhaltens-Beobachtungen von Adulten - und eben nicht nur die reine Bestimmung des postmortalen Intervalles über deren Larven - zielführend sein können.

Wegen der in Kolumbien sonst nie verfügbaren ausländischen Besucher wurde die Zahl der von StudentInnen vorgestellten Experimenten leider reduziert, was aber durch biogeographischen Diskussionen, ausgelöst durch die abweichenden Wachstsumsraten, Mindesttemperaturen und allgemein sehr diversen Umweltbedingungen an Küsten, Innenland, heissen Tälern, tropischen Wäldern und Bergen (Medellin und Bogota liegen beispielsweise in den Bergen) in Südamerika abgelöst wurde. Wir leben in Europa in dieser Hinsicht auf einer Insel der Glückseligen, weil die Umweltbedingungen nicht nur besser untersucht und dokumentiert, sondern in Kriminalfällen auch leichter verfügbar und vor allem von Grund auf weniger mannigfaltig sind.

Einen Höhepunkt erreichte die örtlich extrem hohe Gewaltgewöhnung, als sich die Polizei mit der von der Guerilla unterwanderten StudentInnenbewegung direkt neben dem Insekten-Labor der Universität und mitten im Kurs eine etwa fünfstündige Schlacht lieferte, die in Deutschland für rasche Gesetzesänderungen und einwöchige Schlagzeilen auf Seite Eins sorgen, die KolumbianerInnen aber nur die Augenbraue zucken lassen ließ.

Die verwendeten Wurf-Geschosse sind dabei so genannte "papa bombas": Wegen ihrer Form und Größe erinnern sie an eine Kartoffel (papa). Diese kleinen Bomben können leicht selbst gebaut werden und haben einen kurden, innen liegenden Kontaktzünder, der beim auftreffen - egal, ob auf den Boden oder den Helm des Polizisten - explodiert. Die Polizei darf, angeblich laut Erlass des Präsidenten Uribe, die Universität aber weder ernsthaft beschießen noch betreten, so dass die einzige Möglichkeit der Gegenwehr ein Beschuss des Universitäts-Hofes mit Tränengas war. Kurzerhand zündeten die kampferprobten StudentInnen alle Mülleimer an (soll das Tränengas verbrennen) oder stülpten alte Fässer über die auftreffenden Kartuschen (mechanische Gas-Barriere), so dass dieses Problem beseitigt und das Getöse weiter gehen konnte. Mit Einbruch der Dunkelheit machten beide Seiten "Feierabend" (O-Ton; auch "bei Regen gibt es grundsätzlich nie Kämpfe, weil man dann ja nass würde"). Der Kurs wurde zum Erstaunen der fliegenkundlichen KollegInnen aus Peru und Brasilien wegen dieser offenbaren Nebensächlichkeiten übrigens keine Minute unterbrochen.

Spannend gestaltete sich auch der schon traditionelle Ausflug zu den von uns ausgelegten, verwesenden Schweinen und Hasen im Erholungsgebiet Piedras Blancas, das von ehemaligen StudentInnen und SchulkollegInnen der Kurs-Chefin verwaltet wird und daher für uns als Experimentier-Gelände zugänglich ist. Neben Geiern und Vogelspinnen leben dort in den Bergen auch Kriebelmücken (Simuliiden), die interessante Stichmuster erzeugen. Zu Beginn breitet sich ein breiter, ganz flacher Hof aus, der beim Abschwellen vulkanartig aufbiegt und - anders als die hier bekannteren Stechmücken (Culicidae)-Verletzungen - zentral eine runde, wie ausgestochene, Verfärbung aufweist. Wie auch Herbstgrasmilben (Neotrombicula)-Bisse können diese Wunden gut zur Datierung einer Leichenablage verwendet werden, allerdings durch Beobachtung der Entzündung beim Täter und nicht durch Verwendung der Larven von der Leiche. Neben Fliegen gibt es also auch im Reich der Mücken und Milben viele forensische Anwendungsmöglichkeiten, die vor allem der Polizei als ersteingreifende Einheit nahe gebracht wurden.

Landesweites Interesse erregte zuletzt noch ein Vortrag über die Untersuchung von Hitlers Schädel und Zähnen, der eigentlich nur als kleines Bonbon gedacht war, dann aber in den Parque Exploare (riesiges naturwissenschaftliches Museum) verlegt wurde. der Andrang war so groß, dass sich um das Gebäude herum eine lange Warteschlange bildete. Mehr als alles erstaunte die KolumbianerInnen offenbar Hitlers Kokaingebrauch ("Einreibungen" ins Zahnfleisch), der zur sehr deutlichen Zerstörung seiner Kiefer beitrug. Obwohl es sich um einen populärwissenschaftlichen Vortrag handelte, war das Frage-Niveau so hoch wie hierzulande auf einem Fachkongress.
Insgesamt zeigte der für südamerikanische Verhältnisse schon fast uhrwerkartig straff organisierte Kurs erneut, dass die lateinamerikanischen und portugiesischen Gebiete, vom Rest der Welt fast unbeachtet, einen interessanten, kompetenten und eigenständigen - leider aber auch wissenschaftlich oft isolierten - Gegenentwurf zu dem darstellen, was wir als sozialen, forensischen und kulturellen Konsens ansehen. Wer zu einer solchen Veranstaltung eingeladen wird oder sie mit organisiert, darf sich glücklich schätzen, weil sie sehr breit gefächerte und neue Ideen für eine veränderte Herangehensweise an randständige - beispielsweise überbrutale oder kulturell motivierte - Kriminalfälle bieten.