2011-05-13 20 minuten online: Am Tatort riechts wie beim Metzger

Quelle: 20 minuten online, Wissen, Gesundheit, 13. Mai 2011

Am Tatort riechts wie beim Metzger
VON RUNA REINECKE

Mark Benecke ist der berühmteste Kriminalbiologe der Welt. Der «Maden-König» verrät im Interview, wie viel CSI in seiner täglichen Arbeit steckt und warum ihn ein blutiger Tatort zum Vegetarier machte.

Dr. Mark Benecke ist der Popstar unter den Kriminalbiologen, arbeitete für das FBI und wird regelmässig als Experte für Sendungen wie «Autopsie» oder «Medical Detectives» befragt. Im Interview mit 20 Minuten Online erklärt der Kölner, welche Faktoren bei der Aufklärung eines Kriminalfalles eine Rolle spielen und warum ein blutiger Tatort sein Essverhalten nachhaltig änderte.

Herr Benecke, mit welchem Projekt sind Sie derzeit beschäftigt?

Ich habe immer mehrere Projekte am Laufen. Im Moment habe ich eine leckere Suppe gegessen, eine schöne Abwechslung zu diesen dauernden Bahnhofs-Tomaten-Mozzarella-Sandwiches, die man sonst isst, wenn man unterwegs ist.

Gibt es auch weniger appetitliche Projekte, mit denen Sie sich unlängst befasst haben?

Kurz vor meiner Tour mussten wir einem Knacki eine sexuelle Handlung nachweisen. Bei einem anderen Fall ging es um einen Fussabdruck an einem Auto.

Nun, so richtig spektakulär klingt das nicht …

Der spektakulärste Fall ist immer der nächste. Für mich sind alle Fälle gleich – das ist ein Grundsatz meiner Arbeit.

Sie haben auch schon für das FBI gearbeitet. Wie viel CSI steckt in Ihrem Berufsalltag?

Ich habe mir nur eine Episode angeschaut, weil ich selbst keinen Fernseher habe. In der Folge, die ich gesehen habe, konnte der Ermittler alles: Schiessen, Hubschrauber fliegen und Spuren untersuchen – das ist natürlich Quatsch. Ich beschäftige mich nur mit der kriminalbiologischen Seite.

Und dabei haben Sie es häufig mit Leichen zu tun. War das – zumindest am Anfang – nicht gewöhnungsbedürftig?

Ich gehe da sehr unbefangen, fast schon mit einer kindlichen Neugierde heran. Durch diese Betrachtungsweise bin ich davor gefeit, etwas Schlimmes daran zu finden. Mich interessieren ganz andere Dinge.

Zum Beispiel?

Warum ich die Puppe eines Insekts unter einem Kissen finde, während sich alle anderen Insekten in einer ganz anderen Ecke des Raumes tummeln.

Apropos Insekten: Man nennt Sie auch den Maden-König, weil es Ihnen gelingt, den Todeszeitpunkt eines Menschen anhand der Entwicklungsstadien von Insekten zu bestimmen. Wie genau ist eine solche Analyse?

Grundsätzlich hängt das Resultat stark von der Menge und Qualität der Informationen ab, die man hat. Je mehr Informationen vorhanden sind, umso präziser wirds. Ich hatte schon Fälle, da liess sich der Todeszeitpunkt bis auf ein paar Stunden eingrenzen.

Welche Faktoren spielen dabei eine Rolle?

Zum Beispiel die Temperatur: Das Wachstum von Schmeissfliegen-Maden ist stark temperaturabhängig. Wenn man aber keine genauen Temperaturdaten hat, dann muss man zu Hilfsmethoden greifen, dann wird das Resultat entsprechend unpräziser.

Wie lassen sich solche Temperaturverhältnisse rekonstruieren?

Es ist beispielsweise hilfreich zu wissen, wie der Schatten im Laufe des Tages verläuft. Das bewirkt öfters eine Abkühlung und gewisse Tiere halten sich an diesem kühleren Ort dann grundsätzlich nicht - oder aber je nach Art auch viel lieber - auf.

Gestaltet sich diese Rekonstruktion bei Kriminalfällen, die bereits Jahre zurückliegen, nicht besonders schwierig?

Es gibt Fälle, da kann man die Jahreszeit feststellen, aber nicht das Jahr. Das liegt daran, dass es Insekten gibt, die nur zu bestimmten Zeiten an bestimmten Orten zu finden sind.

Zumindest auf dem Teller landen Tiere bei Ihnen nicht: Sie sind bekennender Vegetarier und engagieren sich für den Tierschutz. Hat das was mit Ihrem Beruf zu tun?

Naja, ob totes Tier oder toter Mensch: Bei beidem handelt es sich um Leichengewebe. Ich hab noch nie viel Fleisch gegessen, als Student konnte ich mir das auch gar nicht leisten – damals gabs das ganze Billigfleisch noch nicht. Aber ja, tatsächlich war ein Blutspurenfall, bei dem ich mit sehr viel frischem Blut zu tun hatte, ausschlaggebend.

Menschliches Blut machte Sie zum Vegetarier?

Ja, beim Metzger riecht es ähnlich wie an einem Tatort, an dem viel Blut vergossen wurde.

Was war passiert?

Beim Opfer handelte es sich um eine herzensgute Frau, die sich nebenberuflich prostituierte. Irgendein Kranker hatte sie regelrecht abgeschlachtet.

Mit welchem Bild wurden Sie vor Ort konfrontiert?

Blutspritzer hatten sich am Tatort ungewöhnlich verteilt und waren sogar hinter Schränken und Gardinen zu finden – da muss richtig was los gewesen sein. Da wird einem klar, wie viel Gewalt es erfordert, ein Leben zu nehmen; das erzählen übrigens auch Serientäter: Beim ersten Mal klappt es oft nicht, weil der Täter nicht auf die Wehrhaftigkeit der Opfer gefasst ist. So einfach stirbt ein Mensch nicht. Aber auch bei Tieren muss oft grosse Gewalt angewendet werden, um sie zu schlachten.

Für Sie ist die Grenze zwischen menschlichem Mordopfer und einem geschlachteten Tier also fliessend?

Als Zoologe ist der Sprung vom Menschen zum Tier für mich keine Übertragungsleistung. Jeder Mensch ist sich doch im Grunde bewusst, dass die Zerstörung eines Lebens nicht sinnvoll ist. Als Fleischesser blendet man das einfach aus, so wie ein Täter, der behauptet, beim Mord an einem Menschen handle es sich um eine Sache, die man untereinander ausgetragen habe und das gehe den Staatsanwalt nichts an. Tief in seinem Inneren weiss der Täter aber, dass da etwas gewaltig schief gelaufen ist.

Noch mehr über lebende Tiere und tote Menschen erfahren wir in Ihren Vorträgen in der Schweiz …

Genau, ich präsentiere dazu eine Liste mit Themen. Die Zuschauer dürfen dann bestimmen, zu welchem der vorgeschlagenen Themen ich referieren werde.